Artach
Über meinen derzeitigen Gast
Aufzeichnungen des Jucho von Dallenthin, Festum
Es gibt Gäste, die man empfängt, weil es sich gehört.
Und es gibt Gäste, die man empfängt, weil sie plötzlich vor der Tür stehen und man den Eindruck hat, dass es sicherer ist, sie hereinzulassen.
Mein derzeitiger Gast gehört zur zweiten Sorte.
Er nennt sich Magnar von Sturmfels und gibt sich als Cousin eines gewissen Halbelfen aus, der zu seinen Reisegefährten gehört. Ich weiß natürlich, dass Magnar nicht sein wirklicher Name ist – aber in diesen Zeiten schadet eine gute Geschichte selten, und diese hier erfüllt ihren Zweck ganz ausgezeichnet.
Magnar sieht aus wie ein Junge von vielleicht sechzehn Jahren.
Er bewegt sich allerdings wie jemand, der sein Leben eher mit Pferden, Waffen und offenen Landschaften verbracht hat als mit höfischen Lehrmeistern.
Seine Gesichtszüge sind… nun ja… markant. Und wenn er lacht – was erfreulich häufig geschieht – stößt er ein Geräusch aus, das entfernt an ein zufriedenes Wildschwein erinnert.
Man gewöhnt sich daran.
Was mich jedoch am meisten überrascht hat, ist seine bemerkenswerte Ehrlichkeit. Magnar sagt selten mehr, als nötig ist, aber fast immer genau das, was er denkt.
Am ersten Abend beim Bier erklärte er mir sehr ernst:
„Wenn jemand dir Ärger macht, sag Bescheid. Ich hau ihn.“
Ich gebe zu, es hat etwas Beruhigendes.
Natürlich ist Magnar kein Mann großer Planung. Ich vermute, seine Entscheidungen folgen meist einer einfachen Reihenfolge: handeln, überlegen, Bier trinken.
Trotzdem besitzt er eine gewisse natürliche Klugheit. Er erkennt erstaunlich schnell, wer es ehrlich meint und wer nicht. Und wenn er beschließt, dass jemand Hilfe braucht, dann hilft er – ohne lange darüber nachzudenken, ob das klug ist.
Seine Gefährten scheinen daran gewöhnt zu sein. Besonders eine gewisse Kampfmagierin versteht es hervorragend, ihn mit wenigen sehr deutlichen Worten wieder einzufangen, wenn sein Temperament einmal zu weit voranstürmt. Bemerkenswerterweise habe ich sie noch kaum zaubern sehen – schimpfen kann sie allerdings ausgesprochen wirkungsvoll.
Der Halbelf der Gruppe hat wiederum mehrfach erfahren müssen, dass Magnars’ gut gemeinte Hilfsbereitschaft gelegentlich… sagen wir… unerwartete Nebenwirkungen hat. Vor allem, wenn dabei gewisse Kräuter ins Spiel kommen, die Magnus mit großer Begeisterung zu beschaffen versteht. Ich habe den Eindruck, dass der arme Mann dadurch schon mehr als einmal in recht erklärungsbedürftige Situationen geraten ist.
Unter seinen Gefährten befindet sich auch eine junge Gelehrte aus magischer Familie, mit scharfem Verstand und der Angewohnheit, Magnar gelegentlich so anzusehen, als versuche sie ein besonders widerspenstiges Forschungsobjekt zu verstehen. In letzter Zeit scheint allerdings ein gewisser Olko ihre Aufmerksamkeit stärker zu beschäftigen als wissenschaftliche Fragen – was, wie ich finde, durchaus menschlich ist.
Und doch – trotz all seiner Ungeschliffenheit – besitzt Magnar etwas Seltenes.
Er ist aufrichtig.
Geradezu erstaunlich aufrichtig.
Er meint, was er sagt. Er hilft, wenn jemand Hilfe braucht. Und er steht zu seinen Freunden mit einer Loyalität, die man nicht oft sieht.
Manchmal wirkt er dabei ein wenig wie ein großer Junge, der noch nicht ganz verstanden hat, warum die Welt komplizierter ist, als sie sein müsste.
Aber ich muss gestehen:
Festum hat schon wesentlich schwierigere Gäste gesehen.
Und nur wenige, die man so schwer nicht mögen kann.