Notizen einer Gelehrten 1038BF
18. Tsa 1038, Vinsalt
Ein neuer Einband, ein neuer Anfang
Heute war ein guter Tag, um ein neues Tagebuch zu beginnen. Mein altes Buch ist bis zur letzten Seite gefüllt – mit Notizen, Beobachtungen, Gedanken und gelegentlich auch dem Aufschrei eines überarbeiteten Geistes. Vielleicht bewahre ich es dereinst in einer Truhe auf. Oder ich spende es dem Nandustempel, wenn ich mich traue.
Wie dem auch sei: Dies ist nun Band VII.
Der Tag begann wie so oft mit einem vertrauten Durcheinander aus Papieren, Siegelwachs und Tintenflecken. Magister Alwin K. Wipppflüger war gewohnt zerstreut, zwischen einem Essay über die metaphysischen Auswirkungen von Goblingesängen auf das astrale Gleichgewicht und einem Brief an seine Mutter, in dem er sich über die Qualität des Frühstückskäses beschwerte. Ich hatte gerade eine Dissertation auf Pergament nach Farben sortiert, als es an der Tür klopfte.
Ein Hirte stand davor.
Er trug grobe Wolle, roch nach Stall und sprach wirres Zeug. "Globule" sagte er. Und "Kunga Sula". Ich hielt ihn zuerst für fehlgeleitet – vielleicht hatte er den Tempel gesucht? Oder gar den Kräuterladen mit dem lachenden Totenschädel? In jedem Fall ließ ich ihn vor der Tür stehen und informierte Magister Wipppflüger.
Zu meinem Erstaunen bat der Magister mich, ihn hereinzubitten. Ich folgte der Anweisung, wenn auch mit Skepsis.
Und siehe da – Solimar nannte er sich. Trotz seiner schlichten Erscheinung war er offenbar Gesandter der sogenannten Kunga Sula, einer Goblinfrau mit offenbar beachtlichem Einfluss. Solimar war kein Trunkenbold, sondern Überbringer eines ernsten Anliegens. Die Worte waren einfach, die Botschaft nicht.
Mehrere Goblins – Dreggi, Groben, Juchi, Erzel und Swini – waren unter rätselhaften Umständen verunglückt. Doch rasch wurde klar: Von Unfällen konnte keine Rede sein. Sie waren ermordet worden.
Ein tiefer Zorn durchdrang mich, als ich ihre Namen notierte. Goblins werden zu oft als minderwertig betrachtet, als Fußnote der Geschichte, als Störung. Doch sie waren lebendig, einzigartig – und jemand hatte ihnen ihr Leben genommen.
Ich sagte zu.
So begann mein Auftrag. Ich verfasste handgeschriebene Aushänge, mit Feder und Sorgfalt, und brachte sie in die Tavernen der Straße. Ich suchte eine Gruppe: Kluge Köpfe, starke Arme, offene Herzen. Sie sollen sich morgen zur Mittagsstunde im Gasthaus Zur Elchschaufel einfinden.
Möge Nandus mir Weisheit schenken, und Hesinde Licht für den Pfad, den ich nun betrete.
Dies ist mehr als nur eine Untersuchung. Es ist ein Ruf. Und ich habe ihn vernommen.
Vanoza
19. Tsa 1038, Festum
Taverne, Tugend und Tintenfass
Der Morgen begann wie so oft – mit einem dampfenden Becher Tee, frischem Brot und der Festumer Flagge. Wie zu erwarten: politische Lappalien, ein missglückter Fischfang und ein satirischer Artikel über das "übermäßige Krähenaufkommen" in der südlichen Oberstadt. Immerhin erheiternd.
Nach ein paar letzten Erledigungen für Herrn Magister Wipppflüger – ich frage mich ernsthaft, ob er absichtlich versucht, seine Quittungen nach Gewicht statt Inhalt zu sortieren – machte ich mich gegen die Mittagsstunde auf den Weg zur „Elchschaufel“. Mit einem Umweg, versteht sich. Der Hesinde-Tempel war mir schon immer ein Ort der inneren Sammlung, und ich konnte nicht umhin, dem Nandus-Schrein ein paar Worte und eine kleine Zeichnung darzubringen. Ich zeichnete ein Rätselrad. Er versteht schon.
Dann jedoch – die Taverne.
Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, traf mich der Lärm wie ein Faustschlag. Ich hatte mit drei, vielleicht vier Interessierten gerechnet. Stattdessen: ein Menschenknäuel, Stimmengewirr, Gerüche von Met, Pfeifenkraut und zu viel Parfum. Die Luft war dick, und mein Mantel war es bald auch.
Ich war überrumpelt. Und erfreut.
Stundenlang führte ich Gespräche – mal anregend, mal ermüdend, meist unterbrochen. Ich hörte zu, stellte Fragen, beobachtete Mimik und Haltung. Ich suchte nicht nur Fähigkeiten – ich suchte Charakter. Eine Gruppe für eine solche Aufgabe muss standhalten: dem Zweifel, der Gefahr, einander.
Und nun habe ich sie:
Jadira, eine Maraskanerin – Hexe, wenn ich mich nicht irre, wohl gar aus der Schwesternschaft der Schwarzen Witwen. Klug, distanziert, scharfsinnig. Ich muss sie im Auge behalten – nicht aus Misstrauen, sondern aus Respekt.
Solimar, der Hirte von gestern. Noch immer einfach, noch immer... eigen. Aber er besitzt eine Ruhe und Erdung, die ich nicht unterschätzen werde.
Nissara, eine Kampfmagierin aus Bethana. Diszipliniert, präzise, mit einer Ausstrahlung, die selbst Trolle zur Ordnung rufen könnte.
Artach, ein Krieger aus Gareth. Der Inbegriff von Pflicht und Stahl. Ich vermute, seine Rüstung wiegt mehr als ich.
Thallian, ein weiterer Krieger, aus Eslamsgrund. Redet wenig, aber wenn er spricht, dann sitzt es. In seinem Blick liegt eine Erfahrung, die nicht in Büchern steht.
Ich hoffe, sie erkennen, was in ihnen steckt – und was auf dem Spiel steht. Wir werden uns ergänzen müssen, notfalls zusammenraufen. Nur so kommen wir der Wahrheit näher.
Der vereinbarte Tagessold scheint angemessen – wobei Jadira deutlich machte, dass sie „ihre Dienste nicht wie ein Stück Fleisch auf dem Markt feilbietet“. Ich erwiderte höflich, dass dies ohnehin kein Markt, sondern ein Spiel mit ungewissem Einsatz sei.
Morgen besprechen wir das weitere Vorgehen. Ich bin gespannt, ob Worte allein genügen – oder ob wir schon bald erste Taten sehen.
Vanoza
24. Tsa 1038, Festum
Rückblick auf dunkle Tage
Ich schreibe diesen Eintrag verspätet. Die letzten Tage waren… zu voll, zu fordernd, zu viel. Erst jetzt, wo der Sturm kurz zur Ruhe gekommen ist, finde ich den Raum, meine Gedanken zu ordnen und dem Geschehen ein wenig Struktur zu verleihen – so gut es eben geht.
20. Tsa – Begegnung mit der Mantka Riiba
Unser erster Tag als frischgeformte Aufklärungsgruppe begann mit einer Audienz bei der Mantka Riibangl. Eine weise Frau, mit klarem Blick, der tiefer reicht, als man es zunächst glauben mag. Sie gab uns wichtige Hinweise zu den Toten – oder besser: Ermordeten – Goblins.
Fünf Namen, fünf Leben. Und doch wurden die Geschehnisse von offizieller Seite als bloße Unfälle abgetan. Auffällig war, dass ausschließlich Angehörige der Sippe Erdpelz betroffen waren. Andere Sippen schloss die Mantka Riiba mit Bestimmtheit als Täter aus.
Wir wandten uns im Anschluss an die Stadtgarde – namentlich Uriel von Gradnochsjepengurken (eine Zunge wie ein Adelsbrief) und Stanis Bogotis. Leider gaben sie sich betont uninteressiert. „Unfälle“, so hieß es. Ich fragte mich, wie tief Gleichgültigkeit in Uniform reicht.
21. Tsa – Eigene Wege, neue Morde
Wir begannen, selbst nachzuforschen. Der letzte Arbeitseinsatz des vermissten fünften Goblins führte uns in die Nähe des Anwesens der Familie Sewerski. Vor Ort erfuhren wir von einem neuen Mord: Der alte Herr Sewerski war in der Nacht getötet worden. Die Schuld gab man – natürlich – den Goblins. Angeblich wurde einer der ihren am Vortag bei einem Diebstahl ertappt. Wie bequem, wie durchschaubar.
Ich sah in den Augen unserer Gruppe den gleichen Entschluss, der mich selbst leitete: Wir würden auch diesen Mord nicht unberührt lassen.
22. Tsa – Der Keller der Wahrheit
Wir untersuchten das leerstehende Eckhaus, das mit Sewerskis letztem Auftrag und dem vermissten Goblin in Verbindung stand. Die Hütte war halb verfallen, das Innere düster. Der Boden brach an einer Stelle ein, und darunter... ein Anblick, der mich noch immer heimsucht.
Im bröckelnden Mauerwerk, im Halbdunkel des Kellers: Der fünfte Goblin. Tot. Verwest. Von Ratten angefressen.
Ich kämpfte mit meinem Magen – und mit meiner Fassung. Ich konnte Groinks Blick nicht vergessen. Der kleine Goblinjunge war bei uns, als wir ihn fanden. Er war so still, so bleich. Und doch... rührte er sich nicht. Er war tapferer als viele Menschen.
Wir fanden ein weiteres Loch in der Wand – ein möglicher Zugang zur Kanalisation? Ein Weg hinaus oder hinein?
Ich suchte an diesem Abend in der Kartothek der Stadt nach alten Plänen – und wurde fündig. Manchmal liebe ich Papier mehr als Menschen.
23. Tsa – In die Tiefe
Mit Seil, Fackeln, Strickleiter und zitternder Entschlossenheit stiegen wir hinab in die Dunkelheit. Die Kanalisation war alt, feucht, und voller Geheimnisse. Zwei weitere Zugänge fanden wir:
Einer führte uns direkt in ein Plumpsklo samt Vorratskammer (wie wir das herausfanden? Eine lange Geschichte. Sagen wir nur, eine Tür wurde eingetreten, und ich wusch mir dreimal die Hände).
Der andere Zugang brachte uns in ein verlassenes Haus – oder war es wirklich verlassen?
Lebensmittel, frische Kleidung, ein Schlüssel auf der Fensterbank. Ein Adelsschrank mit Lumpen und Seide.
Und dann – der Abgrund: Weinfässer. Voll. Aber nicht mit Wein.
Menschenleiber, eingepresst, konserviert wie verderbliches Gut. Ich hielt inne. Und hielt mich. Der Ekel schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte nicht essen an diesem Abend. Noch jetzt liegt mir der Gestank in der Nase.
Plötzlich – Stimmen, Geräusche. Schmuggler näherten sich über ein Floß durch die Kanäle. Unsere Kämpfer verfolgten sie. Alle bis auf einen wurden gestellt.
Die Wahrheit: Die Schmuggler wurden entdeckt – von einem Goblin und dem alten Sewerski. Also mussten beide sterben.
Doch sie wussten nicht, welcher Goblin sie gesehen hatte. Also tötete man alle fünf.
So ist das also.
Ein Goblin sieht zu viel – und fünf Goblins sterben.
Ich bin wütend.
Ich bin traurig.
Und ich schäme mich, Teil einer Stadt zu sein, die ihre eigenen Bürger verrät, sobald sie nicht menschlich genug wirken.
Aber ich bin nicht hilflos.
Solange ich atme, werde ich für Wahrheit sprechen.
Für Gerechtigkeit.
Für Groink – mit seinen riesigen Füßen, seinen unschuldigen Augen, seinem zerknautschten Blumenstrauß, den er mir letztens mit schüchternem Stolz überreichte.
Er ist wie araniens süßestes Zuckergebäck.
Und niemand… niemand wird ihn mir wegnehmen.
Vanoza
1. Phex 1038, Festum
Zwischen Staub, Systemen und Zauberhand
Es ist stiller geworden. Die Tage rinnen derzeit nicht in Strömen, sondern tropfen langsam, beinahe gemächlich dahin – wie Tinte aus einem halbvollen Fässchen. Ich weiß nicht, ob ich mich langweile oder endlich zur Ruhe komme. Vielleicht ist es beides. Oder das eine in Verkleidung des anderen.
Nach den düsteren Ereignissen um die Goblins und das Kanalsystem scheint sich der Alltag schleichend wieder auszubreiten wie warmer Dampf auf einem Fenster.
Ich bin wieder bei Herrn Magister Wipppflüger.
Sein Chaos hat mich vermisst – davon bin ich überzeugt.
Doch diesmal hat er sich etwas Besonderes einfallen lassen:
Ich soll seine gesamte Bibliothek neu kategorisieren.
Nicht nur nach Fachgebiet – nein, auch nach Autor, Veröffentlichungsjahr, und einem eigens von ihm entwickelten „intuitiven energetischen Fluss der Erkenntnis“. Ich habe bis heute nicht verstanden, was das eigentlich bedeuten soll, aber ich habe es in meinem Notizbuch notiert. In kursiv. Mit Fragezeichen.
Immerhin – ich liebe Bücher. Ihre Ordnung. Ihre Sprache. Ihren Geruch. Und es beruhigt mich, wenn Dinge an ihrem Platz sind – vor allem, wenn dieser Platz von mir definiert wurde.
Die Arbeit geht erstaunlich gut von der Hand. Dank meiner Erfahrung, wie ich mir selbst gerne einrede. Doch es liegt auch an meinen kleinen Helfern:
Ein diskret gewirkter „Objektbewegung“-Zauber hier, ein sanfter „Reinige“ dort – die Regale stauben sich wie von selbst, und Bücher wandern geschmeidig auf Leitern, die ich nicht mehr erklimmen muss.
Der Magister hat bereits zweimal mit hochgezogenen Augenbrauen angemerkt, dass er sich manchmal fragt, ob ich überhaupt noch anwesend bin oder ob nur meine Magie arbeitet.
Ich habe gelächelt.
Er hat nicht ganz Unrecht.
Die anderen Gehilfen im Haus schauen gelegentlich etwas neidisch. Manche fragen, wie ich das alles so schnell hinbekomme. Ich überlege, ob ich antworte mit: „Ich habe ein System“, oder lieber: „Ich spreche mit den Büchern.“ Wahrscheinlich glauben sie beides nicht.
Am Abend bleibt mir manchmal sogar Zeit für mich selbst.
Ich zeichne. Ich lese. Ich habe begonnen, ein altes Rätselbuch neu zu kommentieren – die Lösungen sind schlicht erbärmlich. Vielleicht schreibe ich irgendwann meine eigene Version.
Groink kam gestern mit einem Stück trockenem Apfelkuchen vorbei. Angeblich hatte seine Tante ihn gebacken. Es war das Süßeste – sowohl der Kuchen als auch die Geste. Ich habe ihm dafür eine kleine Skizze von uns beiden geschenkt. Er hat gelacht, bis er gehickst hat.
Ich weiß nicht, ob ich mehr Hesinde oder Nandus dafür danken soll, dass ich ihn getroffen habe.
In all dem scheinbar Gewöhnlichen liegt eine gewisse Schönheit. Und vielleicht ist es gerade diese Ordnung, die ich jetzt brauche – nach so viel Finsternis.
Vanoza
05. Phex 1038, Festum
Zwischen Beerenwein, Überzeugung und einer gewissen Pfeife
Ich schreibe diesen Eintrag später als gewöhnlich.
Erst jetzt, zur Mittagsstunde, bin ich wirklich wieder bei Sinnen.
Der gestrige Abend… war in vielerlei Hinsicht experimentell – geistig wie körperlich.
Doch der Reihe nach.
Gestern, am 04. Phex, war ich gerade mit Nissara tief in die Kategorisierung der Bibliothek vertieft, als plötzlich Thallian, Atach und Jadira unangekündigt im Arbeitszimmer erschienen. Ich hatte kaum Zeit, die Tinte abzusetzen, da standen sie schon mitten im Papierberg.
"Neuigkeiten? Arbeit?" fragten sie. – Und ich spürte, wie in mir wieder dieses alte Brennen erwachte. Das Gefühl, dass etwas geschehen muss.
Herr Magister Wipppflüger erinnerte sich dann – ausgerechnet! – an einen städtischen Aushang, in dem Unterstützung für den Utmasfot-Umzug der Stadt gesucht wurde. Ausgerechnet dieser absurde, beleidigende Umzug, bei dem eine Trommel mit Thorwalerhaut durch die Straßen getragen wird – ein Symbol barbarischer Unterdrückung und imperialer Arroganz.
Ich entfuhr wohl ein etwas zu lauter Kommentar, denn der Magister hob die Augenbraue, seufzte und nannte uns einen Namen:
Olko Knaak.
Zu finden in der Halle des Quacksalbers.
Mein Herz pochte. Ein Kontakt. Eine Möglichkeit. Ein Fünkchen Hoffnung.
Ich werde mich nicht gegen Groink, gegen die Goblins, gegen meine eigenen Werte stellen. Nicht für eine Ordnung, die nur Unterdrückung kaschiert.
Am Nachmittag machten wir uns auf zur Halle des Quacksalbers, jener Taverne im Gesindeviertel, in der sich Magieradepten, Gelehrtenschüler und intellektuell Überreizte die Klinke in die Hand geben.
Der Lärm von Diskussionen lag in der Luft wie Pfeifenrauch.
Nissara verschwand sofort in einer Diskussion, Atach zog an die Bar, und ich… ich erspähte den Tisch.
Er stand leicht erhöht, von Büchern umgeben, und war erfüllt vom Klang leidenschaftlicher Debatte. Ich trat hinzu – gezielt, fast ehrfürchtig. Nissara folgte mir.
Wir waren richtig.
Man sprach von einem freien Festum.
Von Gleichheit.
Von Wandel.
Mein Herz loderte.
Ich trank Beerenwein, diskutierte, lachte, nickte, widersprach, skizzierte Argumente auf Servietten.
Dort traf ich Erik von Thun – einen gutaussehenden jungen Mann, schätzungsweise Anfang zwanzig, Auszubildender der Rechtskunde, mit einem angenehmen Drei-Tage-Bart und einem Verstand, der messerscharf durch die Debatte glitt.
Auch lernte ich Sirea al’Kemet, eine Adeptin der Transmutationslehre aus Khunchom, und Grimmwald Runziger, einen mürrischen, aber brillanten Sprachengelehrten aus dem Bornland kennen.
Man verstand sich. Man schätzte einander.
Und ich… fühlte mich wohl.
Olko Knaak stieß am frühen Abend dazu. Rotblondes Haar, löchriger Bart, jung – aber mit einem Feuer in den Augen. Er war einer von uns.
Die Gespräche wurden hitziger, der Wein süßer.
Und irgendwann… nun ja…
Eine „Pfeife +“ machte die Runde.
Normalerweise lehne ich so etwas kategorisch ab – aber ich war beflügelt. Von Gleichklang, Ideen, einer fast revolutionären Euphorie.
In diesem Zustand – leicht beschwipst, geistig glühend – hatte ich eine brillante Idee:
Lasst uns die Trommel verschwinden lassen!
Ein Symbol zerstören, das nie hätte existieren dürfen.
Olko jedoch hielt sich bedeckt – er verfolge einen eigenen Plan, sagte er. Genaueres versprach er mir für heute Abend.
Später verabschiedete sich Nissara. Ich blieb.
Erik von Thun bot mir an, mich nach Hause zu geleiten – und ich nahm dankbar an.
An der Tür… nun ja… überkam mich ein nie dagewesener Hunger.
Erik, charmant wie eh und je, schlug vor, bei ihm noch etwas zu essen –
aber ich lehnte höflich ab. Ich hatte heute noch Arbeit. Ich sah, wie sich etwas in seinem Blick veränderte. Vielleicht Enttäuschung. Vielleicht Erleichterung. Ich weiß es nicht.
Drinnen stürzte ich mich auf das, was die Küche hergab.
Irgendwann muss ich zwischen Brotkrumen und Apfelschnitzen eingeschlafen sein, denn heute früh fand mich Nissara zusammengesunken am Tisch.
Ich war verwuschelt, verkatert, zerknittert – der Inbegriff akademischer Dekadenz.
Ich flüchtete ins Bad, ließ mich einweichen, und… kroch danach zurück ins Bett. Erst gegen Mittag erwachte ich halbwegs klar.
Magister Wipppflüger konnte sich natürlich einen sarkastischen Kommentar nicht verkneifen.
Aber er ließ die Haushälterin einen Trank gegen meinen dröhnenden Schädel brauen –
und das rechne ich ihm hoch an.
Nun ist es Nachmittag.
Ich bin wieder wach.
Wieder bereit.
Heute Abend kehre ich zurück in die Halle des Quacksalbers.
Zu Olko.
Zu Erik.
Zu jenen, die wie ich spüren:
Etwas in dieser Stadt muss sich ändern.
Und vielleicht… sind wir der Anfang.
Vanoza
05. Phex 1038, Festum
Gedämpfte Erwartungen und leise Eingebungen
Soeben bin ich zurück aus der Halle des Quacksalbers.
Mein Mantel riecht noch nach Pfeifenkraut, Beerenwein und dem staubigen Holz alter Möbel – es ist ein Geruch, an den ich mich fast schon gewöhnt habe. Doch anders als gestern, verließ ich die Taverne heute mit einem etwas schwereren Schritt.
Olko war nicht da.
Ich hatte mich wirklich auf unser Gespräch gefreut, wollte wissen, was für ein Plan hinter seinen vagen Andeutungen steckt, ob meine Idee mit der Trommel aufgenommen, weitergesponnen oder gar schon überboten wurde.
Doch nichts dergleichen.
Erik, stets höflich, überbrachte mir die Nachricht, dass Olko noch Verpflichtungen habe – aber morgen, so versprach er, werde er „den Plan“ unserer Gruppe vorstellen.
Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen, also blieb ich nur kurz.
Ein paar Worte mit Erik, ein Austausch mit Sirea (sie hat ein faszinierendes Projekt über elementare Ätherströme begonnen) und ein überraschend trockener Witz von Grimmwald (ja, er kann tatsächlich lachen – oder zumindest schnauben).
Doch schon bald zog es mich heimwärts.
Ich werde den Rest des Abends mit einer Zeichnung verbringen. Vielleicht Groink? Oder die Halle, so wie ich sie sehe – ein Ort voller Stimmen, Blicke, Gedanken.
Meine eigenen Gedanken...
...sie sind in letzter Zeit wie aufgewirbelte Seiten im Wind.
Ungeordnet.
Zerstreut.
Es wird Zeit, wieder etwas Struktur hineinzubringen. Vielleicht hilft mir das Zeichnen.
Ein Gedanke aber ließ mich nicht los:
Wie heißt unsere Gruppe eigentlich?
Wir handeln, planen, hoffen – und doch ohne Namen?
Ein Name gibt Identität. Und Worte sind machtvoll, das weiß ich mehr als viele andere.
Und da war er plötzlich:
„Das Geflüster.“
So soll es sein – sofern die anderen einverstanden sind.
Ein Name wie ein Hauch. Wie eine Wahrheit, die durch Ritzen dringt.
Leise. Subtil. Und doch wirkungsvoll.
Nicht laut. Nicht prahlend.
Sondern verborgen. Agierend im Schatten. Denkend im Licht.
Morgen werde ich Olko davon berichten. Ich bin gespannt, was er sagt.
Auch würde ich mich gerne näher mit Jenni und Brutsch unterhalten, zwei der Goblins aus der Runde. Heute waren sie leider nicht anwesend – schade.
Gerade Jenni scheint überaus klug und reflektiert zu sein. Ich spüre bei ihr eine Tiefe, die manchem Adepten gut zu Gesicht stünde.
Doch nun... nun ruft das Bett.
Morgen wartet der letzte Teil der Bibliothekskategorisierung auf mich –
und vielleicht, wenn Nandus gütig ist, auch ein neuer Anfang.
Vanoza
06. Phex 1038, spät in der Nacht, Festum
Ein Tag, wie ein Sturm aus Glut und Fragen
Ich sollte schlafen. Aber mein Geist findet keine Ruhe. Der Tag war ein Kaleidoskop – ein ständiges Flackern zwischen Euphorie und Enttäuschung, zwischen Aufbruch und innerem Rückzug. Mein Herz pocht noch immer vom letzten Becher Beerenwein, meine Gedanken wirbeln wie aufgewühlte Asche über dem Feuer der Ereignisse. Und so greife ich zur Feder.
Der Morgen begann wie gewohnt: Frühstück mit Nissara und Herrn Magister Wipppflüger, dazu die Festumer Flagge. Die Berichte darin waren wenig überraschend, aber bedrückend: Die Spannungen zwischen Adel und Bürgertum eskalieren weiter, insbesondere in den Tagen vor dem Atmaskot-Umzug. Der Adel ruft nach strengerem Durchgreifen, das Volk klagt über Freiheitsberaubung. Es heißt, bestimmten Bevölkerungsgruppen soll gar der Zutritt zum Umzug verwehrt werden.
Ein Fanal.
Ein Symbol des Ausschlusses – und des drohenden Umsturzes.
Ich hatte gerade die letzten Zeilen gelesen, als es an der Tür klopfte. Clara führte Atach, Jadira und Thallian herein, die sich von der Kälte der Straße mit einer Tasse Tee aufwärmen wollten. Und dann kam es zum unvermeidlichen Eklat.
Die drei sprachen davon, sich bei der Stadtgarde für den Umzug melden zu wollen. Für diesen Umzug. Ich versuchte sie zu erreichen, mit Argumenten, mit Herz, mit Vernunft – aber meine Worte prallten ab wie Regen auf Öl. Irgendwann brach ich das Gespräch ab. Ich konnte nicht mehr. Statt weiter zu diskutieren, floh ich in die Bibliothek.
Dort, inmitten der Bücher, die mir Trost und Ordnung versprechen, brachen meine Emotionen über mich herein. Tränen. Ehrliche, unaufhaltsame Tränen.
Wie können sie nur?
Groink verraten, unsere Freunde, unsere Werte – für ein paar Batzen Lohn?
Jadira, die einst selbst kein gutes Wort für jene fand, die sich demütig ducken. Und nun… schweigt sie?
Und Atach, der Groink so gut verstand – was ist mit ihm geschehen?
Der Magister trat ein. Ich wischte mir hastig die Tränen fort. Seine Worte waren sanft, bedacht – und wie immer ein wenig zu analytisch für mein aufgewühltes Herz. Als ich mich umwandte, bemerkte ich, dass sich bereits wieder ein Limbus geöffnet hatte – dieser vermaledeite Riss in der Realität, der sich immer dann zeigt, wenn mein Innerstes aus dem Gleichgewicht gerät.
Wipppflüger war – natürlich – fasziniert. Ich hingegen: erschöpft.
Er sprach von Beobachtung, von Theorie, von kontrollierter Magie. Alles Dinge, die ich selbst dutzendfach gelesen hatte. Aber dann, inmitten seiner gewohnt didaktischen Rede, ein unerwarteter Funke:
Olko.
Sein ehemaliger Schüler.
Sein bester, wie er selbst sagte.
Nun ergaben manche Dinge plötzlich Sinn – die Gemeinsamkeiten im Denken, im Fragen, im Hoffen. Auch die gelegentliche Neigung zur „Pfeife+“. Wipppflüger sicherte mir – nein, uns – seine Unterstützung zu: die des Konzils der Künste, und sogar des Freibundes. Und dann überreichte er mir, wie ein alter Seher aus vergessenen Zeiten, eine letzte Andeutung: Ich würde an diesem Abend einem Kontakt begegnen. In der Halle des Quacksalbers. Ich müsse nicht suchen – er würde mich finden.
Er verschwand. Und ließ mich zurück, mit einem Hauch von Hoffnung und einer Tasse Tee, die Nissara mir still und bedacht brachte.
Ich vollendete die Kategorisierung der Bibliothek – Wipppflüger zeigte sich zufrieden. Wieder ein abgeschlossenes Werk. Wieder ein Schritt getan.
Doch am Nachmittag kehrten Atach, Thallian und Jadira zurück. Sie hatten sich tatsächlich verpflichtet. Ich konnte es kaum glauben – oder wollte es nicht glauben. Ihre Worte über Planung, über Strategie… es war mir zuwider. Ich zog mich zurück.
Thallian folgte mir.
Und offenbarte mir sein Geheimnis. Seine Herkunft – nicht ganz menschlich. Seine spitzen Ohren, die er mir zeigte, waren sein stiller Schwur: Er ist auf meiner Seite. Unserer Seite. Er bat um eine Kopfbedeckung, um beim Treffen unerkannt zu bleiben. Ich rief Clara – und sie legte etwas Passendes bereit.
Als wir später zur Taverne aufbrachen, reichte ich ihm das Tuch. Er bat, sich umzuziehen. Ich führte ihn in mein Zimmer. Ich wandte mich ab, aber… ich spürte seinen Blick im Rücken. Und obwohl ich mir nie viel aus äußeren Reizen gemacht habe – er ist gut gebaut. Mehr als nur aufrechte Haltung und eiserner Wille.
In der Halle des Quacksalbers angekommen, fragte ich nach der Gruppe. Jasmin verwies uns nach oben. Ich bestellte meinen gewohnten Beerenwein. Die Schritte auf der Treppe fühlten sich schwer und bedeutungsvoll an.
Oben erwarteten mich Erik, Olko, Grimmwald, Sirea – und auch Jenni und Bruutsch. Ich trat ein, stellte Thallian vor – und er berichtete, was er erfahren hatte.
Dann – endlich – sprach Olko. Sein Plan: Die Trommel verschwinden lassen. Nicht auf der Brücke, wie ich dachte, sondern auf dem Marktplatz, abgelenkt durch Farbbomben. Ich nickte. Endlich.
Ich sprach das Thema der Vermummung an – und bot mich an, Mäntel und Kapuzenumhänge zu besorgen. Dann fragte ich, ob die Gruppe bereits einen Namen trüge. Als dies verneint wurde, schlug ich meinen vor:
„Das Geflüster.“
Ein Flüstern, das wächst. Ein Gedanke, der sich ausbreitet. Leise – aber mächtig.
Olko ließ abstimmen. 7 von 10 hoben ihre Hände. Mein Herz zitterte. Ein Name. Unsere Stimme. Unsere Bewegung.
Ich fragte nach weiteren Rekrutierungen – Olko zeigte sich offen. Und so stand ich auf, leerte meinen Becher in einem Zug und trat hinab. Ich weiß nicht, was mich ritt. Vielleicht der Wein, vielleicht der Zorn, vielleicht das, was Gerechtigkeit in mir entzündet.
Barfuß stieg ich auf einen Tisch – und sprach.
Laut, klar, bewegt.
Ich, Vanoza Engstrand, die sonst leise ihre Schlüsse zieht.
Und ich sprach.
Als ich zurückkehrte, blickten sie mich alle an. Erik – überrascht. Olko – mit Respekt. Auch die anderen schwiegen. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Schweigen mehr sagt als jede Rede.
Dann trat Thallian vor mich. Ich hatte nicht bemerkt, dass er fort war. Er legte eine Münze auf den Tisch. Ein Fuchs war darauf zu sehen.
„Ich hätte fast mein Leben für deines gegeben“, sagte er.
Ich war sprachlos. Was war geschehen? Ich schob ihm die Münze zurück. Verwirrt. Und tief bewegt.
Doch die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten:
Ein Fremder, Kapuze tief ins Gesicht gezogen, trat an unseren Tisch.
„Phex zum Gruße“, sagte er.
Ich grüßte vorsichtig zurück.
Er lüftete seine Kapuze – und Olko wich erschrocken zurück.
„Jucho von Dallenthin und Persanzig“, murmelte er.
Ich erkannte ihn ebenfalls – nicht aus persönlicher Begegnung, sondern aus Büchern. Geschichtsbänden. Berichten. Einer der Adelsmarschalle – und nun hier?
Er lobte meine Rede. Ich errötete. Dann bot er Hilfe an. Einen Ort, wo die Trommel sicher wäre.
Umerike Sujeloff, eine Kontorin. Eine Möglichkeit. Ein Angebot.
Olko stimmte zu.
Und wie er gekommen war, verschwand Jucho wieder. Lautlos. Fast unwirklich.
Nun also:
- Kapuzen, Umhänge besorgen
- Die Mantka Riiba aufsuchen
- Umerike Sujeloff kontaktieren
Und Thallians Worte hallen nach.
„Ich hätte fast mein Leben für deines gegeben.“
Was war geschehen? Und was bedeutete es?
Nissara bleibt vorsichtig.
Atach ist zögerlich, aber sein Herz – ich glaube – ist aufrichtig.
Jadira… ich verstehe sie nicht mehr.
Ich hätte ihr mehr zugetraut.
Aber der Wandel ist da. Er kommt.
Ob wir ihn beschleunigen oder nicht – aufhalten lässt er sich nicht.
Ich werde mit Thallian sprechen. Unter vier Augen.
Und nun hoffe ich, mein Geist kommt zur Ruhe.
Die Sonne wird bald aufgehen.
Vanoza
07. Phex 1038, spät in der Nacht
Zwischen Schatten, Schwur und Federkratzen
Wie so oft begann mein Tag im stillen Licht der Morgenstunden. Früh erwacht, das kalte Wasser an der Waschschüssel, das Herz noch halb in Träumen, und das Frühstück mit Nissara und dem alten Wipppflüger – doch kaum war die letzte Brotscheibe hinuntergeschlungen, spürte ich die Schwere, die bereits auf meinen Schultern ruhte. Zu viel für einen Tag, und doch musste alles geschehen.
Mit Nissara teilte ich den Plan für den Nachmittag: die Mantka Riiba. Fünfzehnte Stunde. Ein Treffpunkt, festgelegt wie ein Leuchtfeuer in der Zeit. Dann hinaus, in das pulsierende, unruhige Herz der Stadt.
Zuerst die Beilunker Reiter – Briefe für Lorian und Mutter. Und dort dieser Schreiberling: militärisch, schroff, die Augen auf meine Gestalt gerichtet, die Worte auf meinen Briefen übersehend. Unerhört! Solche grobe Blindheit gegenüber der Botschaft, die mir heilig war, ließ mich erschaudern. Ich wandte mich ab, so schnell wie möglich, die Kälte der Stadt in mir aufnehmend.
Im Hesindetempel traf ich die Geweihte wieder. Mein Rätsel, so sprach sie, sei weitergetragen, im Sinne Hesindes. Doch ihre Vorsteherin, mehr Nandus ergeben – ein Hinweis, der in meinem Geist wie ein zartes Licht flackerte. Vielleicht Bande knüpfen, Verbindungen spinnen, wenn die Zeit reif ist. Am Schrein des Nandus sprach ich ein kurzes Gebet, und am Ausgang ließ ich eine Münze für Hesinde nieder – ein kleines Opfer, ein leiser Gruß.
Dann zur Elchschaufel. Thallian begleitete mich, ein stiller Zeuge meiner Schritte. Wipppflüger hatte die Schneiderei genannt – „Tapfere Fädlein“. Natürlich irrten wir zuerst, verloren in den Straßen wie Gedanken im Labyrinth. Drinnen das geschäftige Treiben, bis die Kundschaft ging. Ich nahm eine der Verkäuferinnen – oder war es ein Verkäufer? – beiseite: „Diskrete, schnelle Maßanfertigungen“, flüsterte ich. Ins Hinterzimmer, dort der Auftrag: drei Kapuzenumhänge, schwarz oder dunkelgrün. Mein Blick fiel auf den dunkelgrünen Mantel in der Auslage, fein gearbeitet, als habe er nur auf mich gewartet. Der Schneider erwähnte beiläufig, die Mäntel seien eine Spende des Konzils der Künste – welch seltsame, verschlungene Fügung. Nur ich solle mit ihm verkehren. Ein Schwur der Stille, stiller als Worte es je sein könnten.
Thallian wollte noch Briefe aufgeben – doch mich hätten keine zehn Pferde zurück zu den Reitern getrieben. Ich harrte draußen, spürte die Kälte auf meiner Haut und das Pochen in meinem Kopf.
Dann der Hafen. Umerike Sujeloff. Ihr Kontor groß, unübersehbar. Die Sekretärin zierte sich, doch wir wurden vorgelassen. Umerike selbst – allein ihr Blick gebot Respekt, ein Schatten, der mich zugleich einschüchterte und inspirierte. Ich legte unseren Auftrag dar, doch sie wusste längst, weshalb wir hier waren. Ihre Bedingung hart wie Stein: gesehen uns jemand, beanspruche sie die Trommel für sich allein. Doch welche Wahl hatten wir? Ich willigte ein. Die Goblins sollen die Trommel durch die Kanalisation zu ihr schleusen. Ein Plan, so verschlungen wie die Straßen unter Festum, doch unumgänglich.
Zurück zur Elchschaufel: Nissara und Groink warteten. Der kleine Schnuff hatte uns eine Audienz bei der Mantka Riiba ermöglicht, und so zogen wir weiter.
Die Mantka empfing uns frostig. Im Namen des Geflüsters bat ich um Mithilfe. Ich legte Sujeloffs Plan dar – doch kein Funkeln der Begeisterung in ihren Augen. Stattdessen Abscheu, Worte, die von den Menschen sprachen, den Adeligen besonders, Nachfahren der Theaterritter, verfallen dem Namenlosen. Ich erschrak; von solchem Frevel hatte ich nie gehört. Und so legte ich selbst den Schwur: wer ihre Hilfe wünschte, musste die Wahrheit finden – koste es, was es wolle. Mein Leben soll dafür stehen. Sollte sie recht haben, würde Festum erzittern. Adelstitel wertlos wie Ratten in der Gosse.
Sie nahm meine Hand, sprach eine Prophezeiung. (Später muss ich sie festhalten.) Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: schon bei unserer ersten Begegnung hatte jemand anderes eine Weissagung erhalten. Ly Jucho von Dallenthin und Persanzig… die Erinnerung stieg auf, wirr wie Rauch in meinen Gedanken. Unsere Wege verflechten sich, unsichtbar, wie Fäden in einem Netz.
Wieder in der Elchschaufel, die Zeit drängte. Auf Thallians Zimmer schmiedeten wir den Plan für morgen.
Später, tief in der Nacht, die Halle des Quacksalbers. Ich kam später als sonst, doch berichtete den Gefährten von meinen Kontakten. Meine Gedanken flossen: wie könnte jeder sich mit dem Geflüster identifizieren, Verrat vermeiden? Reaktionen geteilt. Ich öffnete mein Notizbuch, offenbarte Gedanken, Skizzen, das Symbol des Geflüsters. Eine Debatte entbrannte – Geduld wird nötig sein.
Thallian offenbarte: am Tag meiner Rede waren Spitzel unter uns. Phexgeweihte hatten sie aufgedeckt. Wäre es anders gekommen, hätte Thallian sein Leben gelassen. Dank lastet schwer in mir. Doch immerhin: ein Teil der Phexkirche scheint auf unserer Seite. Ein Hoffnungsschimmer.
Nun sitze ich wieder daheim, die Feder kratzt über das Papier, der Kopf schmerzt vom langen Tag. Ich habe einen Brief an Thallian geschrieben – Worte, die ich ihm nicht nur morgen sagen kann. Zu schwer lasten sie auf mir. Darum werde ich gleich, obwohl die Nacht schwarz und still ist, hinausgehen und ihm das Schreiben eigenhändig überbringen. Vielleicht finde ich in einem Gespräch mit ihm ein wenig Ruhe.
Morgen ist Atmaskot. Morgen wird sich zeigen, ob unsere Mühen Früchte tragen – und ob ich dem Flüstern meiner eigenen Gedanken trauen darf.
Vanoza
09. Phex 1038, früher Nachmittag
Zwischen Brief, Trommel und dem Zorn der Göttin
Erst jetzt greife ich zur Feder. Der gestrige Tag – nein, schon der Vorabend – hat mir den Schlaf aus den Gliedern gerissen. Nur wenige Stunden der Ruhe gönnte ich mir, und doch kreist mein Geist, als sei die Nacht eben erst vergangen.
Noch am 07. Phex, nachdem ich mein letztes Wort in dieses Buch gesetzt hatte, trieb mich das Herz hinaus. Zu Thallian. Zweimal klopfte ich; erst beim zweiten Mal erhörte er mich. Ich legte ihm meine Herzensangelegenheit offen, in jener spröden Sprache, die mir bleibt, wenn alles Reden mir schwerfällt. Und übergab ihm das Einzige, was ich wahrhaft schenken konnte: mein Leben, gebunden in die Zeilen eines Briefes. Er nahm es an – und bestand darauf, mich nach Hause zu geleiten.
Doch daheim fand mich kein Schlaf. Vielleicht war es Angst, den Sonnenaufgang zu verpassen, vielleicht war es schlicht das Herz, das sich nicht beruhigen wollte. So harrte ich aus, bis die ersten Strahlen den Himmel über Festum in rotes Feuer tauchten. Dann machte ich mich auf, zur Schneiderei. Drei Kapuzenumhänge erhielt ich, dazu vier Masken – kalte, schweigsame Begleiter. Ich trug sie heim. Nissara und Wipppflüger waren schon wach; wir nahmen ein karges Frühstück. Nissara erhielt ihren Umhang, dazu eine Maske. Mit den übrigen eilte ich zur Halle des Quacksalbers, Olko und Erik entgegen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Dann kam die Stunde. Der Atmaskot-Umzug, der Marktplatz, die Luft selbst gespannt wie eine Saite. Wir harrten aus, bis Timski mit der Thorwalertrommel erschien. Unser Signal: ein Lichtblitz, gleißend wie das Rettungsfeuer einer Schiffskanone. Und plötzlich erblühte der Platz in allen Farben des Regenbogens. Zauber flammten auf, wir drängten uns nach vorne. Doch dann – Rondrageweihte! Davon hatte Thallian mir nichts gesagt, auch Jadira nicht. Verrat? Oder ein Plan, der sich ohne unser Wissen wandelte?
Ich bat Olko und Erik, mir Rückendeckung zu geben. Versuchte selbst den Motoricus – wie so oft vergebens. Meine Augen fielen auf zwei Fässer an einer Mauer. Vielleicht der Weg. Ich fragte Olko, ob er den Zauber beherrsche. Er nickte. So ließ er mich samt Fass durch die Lüfte fliegen, direkt über die Köpfe hinweg. Über einem Geweihten sprang ich ab. Was ritt mich? Rondra, verzeih mir. Ich landete auf ihm – und er fing mich, statt zu stürzen. Erst als Artach ihm die Füße wegriss, gingen wir beide zu Boden.
Ich rappelte mich hoch, entriss ihm die Waffe – Rondra, Mutter des Kampfes, vergib mir –, nur damit Artach nicht verletzt würde. Da sah ich Erik, bereits auf der Bühne bei Timski. Er formte lautlos die Worte: Los, die Trommel! Ich sprang, riss Timski das Instrument aus den Händen, nicht ohne ihm zuvor mit dem Schlägel eins überzuziehen. Dann lief ich. Lief wie nie zuvor, Herz und Atem im Wettstreit.
Die Menge zerstreute sich, doch vor mir traten Goblins hervor. Stumm, bereit. Ich übergab ihnen die Trommel, meinen neuen dunkelgrünen Mantel, die Maske. Nur eines konnte ich noch sagen: „Passt auf euch auf.“
Der Rest verschwimmt. Ich tauchte unter, fand mich später in der Halle des Quacksalbers wieder. Jubel, Erleichterung, berauschter Mut. Wir tranken auf unseren Erfolg, bis die Nacht uns verschlang.
Erst daheim fiel ich endlich ins Bett – todmüde, zwei Nächte ohne Schlaf lasteten auf mir. Nun sitze ich wieder hier, der Nachmittag ist schon angebrochen. Eine Tasse Tee wärmt meine Hände, während die Feder kratzt. Möge sie mir nicht versagen, wenn die kommenden Tage noch dunklere Prüfungen bringen.
Vanoza
12. Phex 1038
Von Flugblättern, Schulden und Schattenprophezeiungen
So langsam macht sich das Gerücht um das Geflüster in Festum breit. Wir haben das vorgeschlagene Bekennerschreiben endlich drucken lassen – leider nicht in der ehrwürdigen Schiffsglocke, sondern in einer winzigen Druckerei, die sonst nur schmuddelige Blättchen anfertigt, die man in Rahjas Namen kaum nennen mag. Dafür aber zahlen wir überteuerte Preise und sind gezwungen, diese Schundheftchen gleich in Höhe von drei Dukaten monatlich abzunehmen. Eine schwere Bürde für unsere junge Gemeinschaft – möge uns dies nicht schon im Keim erdrücken. Doch ich arbeite bereits an Lösungen: Gestern habe ich Briefe an das Konzil der Künste und an den Freibund verfasst. Heute Abend werde ich den Magister um ihre Überbringung bitten.
Unterdessen hängen in der Stadt nun überall die Fahndungsbilder von Artach – und das allein meinetwegen. Nur weil er dem Rondrageweihten die Füße wegzog, damit ich entkommen konnte. Schon wieder stehe ich in einer Schuld. In letzter Zeit häuft sich das zu sehr.
Die Prophezeiungen habe ich inzwischen niedergeschrieben. Hoffentlich korrekt, denn Mutter pflegte stets zu sagen: „Es kommt auf jedes einzelne Wort an.“ Entschlüsseln konnte ich sie noch nicht – ebenso wenig Juchos rätselhafte Worte.
Apropos Jucho: Dort ist Artach zur Zeit untergebracht, verborgen vor den Blicken der Stadt. Mal sehen, was die Zukunft für uns bereithält…
Vanoza
21.Phex 1038
Zwischen Alltag, Schatten und der Suche nach Wahrheit
Das Gerücht um ein Geflüster hat nun endgültig seinen Weg in die Gassen Festums gefunden. Man munkelt, wir seien verantwortlich für den Trommeldiebstahl – und vielleicht trägt dieser Flüsterton mehr Wahrheit in sich, als den meisten lieb sein dürfte.
Doch während draußen die Stadt in Mutmaßungen schwelgt, zieht im Inneren meiner Tage ein eigentümlicher Alltag ein. Am Tage versinke ich in den Aufgaben für Magister Wipppflüger, abends findet man mich zumeist in der Halle des Quacksalbers, wo wir uns beraten. Dort wurde nun sowohl mein Zeichen für das Geflüster angenommen wie auch die Schwurformel – eine seltsame Genugtuung, wenn Gedanken, die erst nur auf kratzendem Papier existierten, plötzlich zu etwas werden, das andere als verbindlich anerkennen.
Über Timskis Ruf hingegen breitet sich ein düsterer Schleier aus. Ein Hauptmann der Stadtgarde, der eine Trommel verliert – welch Schmach in den Augen vieler! Sein Zorn gebiert Verhöre, ja sogar wiederholte, und selbst Razzien, wie ich in der Festumer Flagge las. Eine davon traf Umerike Sujeloff. Und doch – nichts ward gefunden. Sie hat ihr Wort gehalten: „Wenn ich nicht will, dass etwas bei mir gefunden wird, so wird nichts gefunden.“ Möge Phex ihre Hand stets lenken und auch uns noch eine Prise seines Glücks gönnen.
Die Flagge kennt dieser Tage fast nur ein Thema: die Trommel, ihr Verschwinden, und die ergebnislose Suche. Der Rat der Stadt ist darüber entzweit, gelähmt im Beschluss neuer Gesetze. Ob dies ein Unglück oder gar ein erster Riss im steinernen Gefüge der alten Ordnung ist? Ich vermag es nicht zu sagen. Doch wenn Wandel kommen soll, dann liegt es an uns, mit dem Geflüster die leisen Strömungen in die rechten Bahnen zu lenken. Vorsichtig, subtil, behutsam – wie Finger, die kaum die Oberfläche eines Wassers berühren und doch Kreise ziehen.
In stillen Stunden versuche ich mich weiterhin an der Entschlüsselung meiner Prophezeiung. Noch immer bleibt sie verschlossen wie ein Siegel, das sich nur dann öffnen wird, wenn die Zeit selbst es befiehlt. Vielleicht ist es genau so bestimmt.
Und so schreibe ich auch an meinem Schwur für die Mantka Riiba. Ein Unterfangen, das mich erneut durch die Bornländische Geschichte führt – doch die Spur, die ich suche, bleibt mir verwehrt. Wipppflügers Bibliothek ist inzwischen mehr Schlachtfeld als Hort der Gelehrsamkeit: aufgeschlagene Bücher liegen verstreut wie gefallene Soldaten, Stapel türmen sich wie Grabmäler. Vermutlich bleibt mir nur, die öffentlichen und akademischen Bibliotheken Festums aufzusuchen. Bald werde ich Magister Wipppflüger um ein Empfehlungsschreiben bitten müssen.
Und da sind noch Jadira und Thallian, die nun ebenfalls beim Magister untergekommen sind. Sehr zu meinem Bedauern. Seitdem teile ich das Zimmer mit Nissara – deren Gesellschaft so liebenswert wie anstrengend sein kann. Spät sitze ich am Schreibtisch, das Kerzenlicht mein einziger Begleiter, während sie schon schläft – begleitet von Geräuschen, die eher an eine Waldrodung erinnern als an Atemzüge. Und morgens? Ein Ritual, das wohl der Meditation dienen soll, doch in seiner Ungeschicklichkeit mehr an einen Elefanten im Porzellanladen erinnert. Ein umgestoßener Becher hier, ein stolpernder Schritt dort – bis auch mir jede Hoffnung auf Schlaf entrissen ist.
Vielleicht, so denke ich, werde ich es die kommenden Abende mit einem Silentium versuchen. Damit ich wenigstens im Zauber der Stille ein wenig Frieden finde.
Vanoza
02. Peraine 1038
Kreise im Schatten
Die Unruhe in Festum will nicht verebben. Noch immer herrscht Aufruhr, und Hauptmann Timski scheint von blindem Eifer getrieben: Zum dritten Male schon ließ er eine Razzia bei Umerike Sujeloff durchführen. Jedes Mal, wenn ich davon höre, klopft mein Herz so heftig, dass mir die Brust zu eng wird. Wie leicht könnte ein falscher Schritt, ein unbedachter Fund, das ganze Geflecht des Geflüsters zerreißen! Und doch bleibt Phex’ Hand über ihr, denn jedes Mal ging sie unbehelligt daraus hervor.
Immer drängender stellt sich mir die Frage, ob wir – Olko, Erik und ich – der Verantwortung, die auf uns ruht, überhaupt gerecht werden können. Zu viele sind inzwischen in unser Netz verstrickt. Um dieser wachsenden Last standzuhalten, haben wir beschlossen, das Geflüster in zwei Kreise zu teilen: einen inneren und einen äußeren. So soll Ordnung herrschen, so soll die Gefahr gezügelt werden. Ich selbst bilde mit Olko und Erik den Kern, und mir ist Thallian an die Seite gestellt. Einmal in der Woche kommen wir zur Absprache zusammen. Meine Untergruppe werde ich nach außen hin als „philosophische Runde“ tarnen – Gedanken, Worte und Fragen sollen den Mantel bilden, unter dem sich unser Wirken verbirgt. Noch treffen wir uns stets in der Halle des Quacksalbers, doch es ist an der Zeit, weitere Orte zu finden, ehe der Blick der Stadt zu sehr auf uns fällt.
Parallel setze ich meine Suche nach den Theratherrittern fort. Dank Wipppflügers Empfehlung öffneten sich mir die Türen anderer Bibliotheken – ein kleiner Sieg, und doch ein schaler. Denn die Werke, die ich dort fand, scheinen nicht die ganze Wahrheit zu tragen. Entweder sind es schon längst zensierte Fassungen, geschliffen, bis nur noch harmlose Splitter der Vergangenheit übrigblieben – oder aber ich selbst grabe noch nicht tief genug. Noch weigere ich mich zu glauben, dass die Spuren gänzlich getilgt sind.
Und doch gibt es einen kleinen Trost in all dem: Mein Silentium trägt Früchte. Endlich finde ich leichter in den Schlaf, und die Nächte sind nicht mehr von ewigem Wälzen gezeichnet. Zwar reißen mich die ersten Sonnenstrahlen dennoch aus dem Bett, als wollten sie mich unbarmherzig an die Gegenwart erinnern – doch immerhin wache ich nun nicht mehr erschöpft, sondern gestärkt.
So schreibe ich diese Zeilen in der stillen Hoffnung, dass unsere Kreise, die wir im Schatten ziehen, sich nicht eines Tages gegen uns selbst wenden.
Vanoza
17. Peraine 1038
Ein Schattenleben und leise Blüten
Heute habe ich beschlossen, das Thema der Fahndung nach Artach im Geflüster anzusprechen. So viel verdanken wir ihm – den Sieg über die Trommel nicht zuletzt. Und doch: Was vermag das Geflüster nun für ihn zu tun? Noch immer hält er sich verborgen bei Jucho von Dallenthin und Persanzig, wagt sich nur in Verkleidung hinaus. Wahrlich, diese Maskerade ist meisterhaft – zweimal schon erkannte selbst ich ihn nicht auf den ersten Blick. Und doch, ein Leben im Schatten, so verborgen, so erdrückend, kann keine Dauer haben.
Welche Wege stünden uns offen? Eine Antwort habe ich noch nicht. Ihn heimlich aus der Stadt zu führen – wozu? Bald schon wird das Gesuch gewiss über Festums Grenzen hinausgetragen. Und Timski, von blindem Zorn gezeichnet, steigert sich Tag für Tag in seinen Wahn hinein. Seine verzweifelten Versuche, die Trommel zurückzuerlangen, geraten fast schon ins Lächerliche – wären sie nicht zugleich so gefährlich.
Zwischen all dem Dunkel gibt es aber auch Licht. Groink besucht uns weiterhin, oft mit den schönsten Blumen in den Händen. Wie sehr habe ich ihn ins Herz geschlossen! Vielleicht lehre ich ihn lesen und schreiben… Ein verwegener Gedanke, und doch reizt er mich. Ob ich die Mantka Riiba zuvor um Erlaubnis bitten muss? Ich werde darüber nachdenken.
Für heute aber ruft das Bett. Morgen führt mich der Weg gewiss wieder in die Bibliothek – und in die Geschichtsbücher Festums. Ich habe eine neue Herangehensweise eingeschlagen: die Chroniken der großen Adelsfamilien zu studieren, eine nach der anderen. Vielleicht liegt zwischen ihren Zeilen, verschüttet und vergessen, der Hinweis, den ich suche.
Vanoza
05. Ingerimm 1038
Briefe aus der Ferne, Fragen im Herzen
Die Abstände meiner Einträge verlängern sich, und das ist wohl gut so. Weniger Drang, die Gedanken sogleich niederzuschreiben, weil sie sich von selbst ordnen – gleich den Steinen eines Mosaiks, die irgendwann von allein an ihren Platz fallen. Und doch: So still es im Äußeren scheinen mag, das Innere bleibt unruhig.
Artach wird weiter gesucht, rastlos, beinahe verzweifelt. Und alles nur meinetwegen. Diese Schuld wiegt schwer auf mir, und doch mischt sich in mein Bedauern ein Hauch von Neid. Denn er ist es, der an der Seite Juchos von Dallenthin und Persanzig untergekommen ist – welch ein Name, welch eine Gestalt! Ein Mann, der einst Adelsmarschall Festums war. Sicher könnte man an seiner Seite vieles lernen, und vielleicht, wenn ich meine Furcht überwinde, finde auch ich den Mut, einen Faden zu ihm zu knüpfen. Noch aber ist mein Respekt zu groß, beinahe lähmend.
Heute brachte ein Beilunker Reiter endlich wieder Kunde von Mutter und Vater. Glücklicherweise nicht derselbe widerwärtige Bote vom letzten Male. Es scheint ihnen gut zu gehen. Ob Vater wohl wieder häufiger daheim ist? Oder bleibt Mutter doch die meiste Zeit allein zurück? Doch so, wie ich sie kenne, verliert sie sich ohnehin lieber in Bibliotheken oder Sternenwarten als in den Mauern des Hauses. Ach, wie sehr ich sie vermisse!
In ihrem Brief schrieb sie mir, der Ruf Magister Wipppflügers reiche inzwischen weit über Festums Grenzen hinaus. Was wundert es mich? Er hat seine Finger in so vielen Angelegenheiten und gilt als einer der großen Artefaktmagier dieser Zeit. Nicht ohne Grund habe ich ihn als meinen Lehrmeister gewählt – und hoffe noch immer, dass er ein Mittel findet, meinen Limbus zu zähmen, vielleicht durch ein Artefakt seiner Kunst.
Doch ein Satz meiner Mutter ließ mich innehalten: „Vielleicht mag dieser alte Zauselkopf noch so einige Überraschungen für dich parat haben. Ich bin gespannt, ob er einige seiner Geheimnisse vor dir lüftet.“ Was meinte sie damit? Kannten sie sich? Wohl kaum durch ihre Arbeit – und doch klingt es, als trüge sie ein verborgenes Wissen über ihn in sich. Welche Geheimnisse könnten das sein? In welche Geflechte hat er seine Hände gelegt?
Und dann noch dies: Eine Prophezeiung. Die zweite, die mich in so kurzer Zeit erreicht. Warum ich? Viele Menschen durchwandern ihr ganzes Leben, ohne je eine einzige zu empfangen – und ich erhalte mehrere binnen weniger Monde. Liegt es am Geflüster? Bin ich schon so tief in etwas verstrickt, das größer ist als ich selbst? Steigt es mir bereits über den Kopf?
Wer weiß. Phex vielleicht – oder die Sterne, die meine Mutter so eifrig befragt. Ich dagegen schreibe nur, in der Hoffnung, den Sinn eines Tages zu begreifen.
Vanoza
16. Ingerimm 1038
Ein Hauch von Lorian
Heute – endlich – erreichte mich der lang ersehnte Brief von Lorian. Welch Freude und zugleich Wehmut ihn zu lesen! Wie sehr ich seine Gesellschaft vermisse, unsere langen Debatten, das stille Ringen um Wahrheit und Neugierde, stets auf der Suche nach dem Funken neuen Wissens.
Seine Worte bestärken mich in meinem Tun. Was anderes habe ich nicht erwartet von einem Geist, der ebenso wie ich im Glauben an Nandus handelt. Dennoch nahm er mir ein wenig die Hoffnung, dass der Wandel, den wir beide herbeisehnen, noch zu meinen Lebzeiten vollendet sein wird. Doch eines ist sicher: ein Anfang ist gemacht, ein Samen gelegt.
Wie ich erwartete, hat er mein Rätsel gelöst – jenes, das ich in unserer alten Tradition gestellt hatte. Nun jedoch liegt das neue Rätsel bei mir: „Was ist so groß wie ein Elefant, wiegt aber nichts?“ Welch Gedanke, so leicht und doch so schwer zugleich. Es wird mich begleiten in den kommenden Tagen, während ich sorgfältig überlege, bevor ich ihm wieder antworte.
Vanoza
6. Rahja 1038
Zwischen Sommerglut und geheiligtem Schwur
Bald schon neigt sich das Jahr dem Ende zu, und die namenlosen Tage rücken mit bedächtigem Schritt näher. Welch Geheimnis wohl das neue Jahr bringen mag? Das letzte halbe Jahr war ein Sturm – zu stürmisch für eine Bücherwurmseele wie mich, und doch birgt selbst dieses Chaos eine gewisse Routine, wenn man sich dem Geflüster verschreibt.
Mit Olko und Erik läuft alles beinahe wie in einem wohlgeschmierten Uhrwerk. Ein Zahn greift in den nächsten, und langsam, beharrlich, bringt sich das Geflüster voran. Wir haben nun auch Rückmeldungen erhalten: vom Konzil der Künste wie vom Freibund. Ich hatte beinahe nicht mehr mit einer Antwort gerechnet.
Der Freibund – Radulja Swerenski, ihre Vorsteherin, gemeinsam mit Haus Alazzer und dem Handelshaus Surjeloff – unterstützen unser Tun in vollem Umfang. Mächtige Verbündete. Doch man ließ uns wissen, dass nicht für alle im Freibund gesprochen werden könne; diese Parteien seien uns jedoch gewiss.
Das Konzil der Künste bekundet ebenfalls volle Unterstützung. Anders als der Freibund nicht im Verborgenen: Sie gestehen offen, dass sie gegen den Atmaskot-Umzug waren, so wie wir. Sie loben unsere Aktion – und raten, ein Gespräch mit Isolde de’Trep zu suchen. Diesen Namen hatte ich fast vergessen, war sie doch die Tempelvorsteherin des Hesindetempels, wie mir einst eine Geweihte erzählte. Doch wie trete ich an sie heran? Dies verlangt Bedacht, Geduld und die rechte Vorbereitung.
Der Sommer blüht in Festum in voller Pracht. Die Hitze hängt wie ein goldener Schleier über den gepflasterten Straßen, flirrt über den Dächern und lässt die Luft flimmern. Selbst die Luft in den Gassen scheint zu pulsieren, und der Schweiß tropft unerbittlich auf die Seiten meiner Notizen. Doch trotz der sengenden Sonne habe ich nicht aufgegeben, das Versprechen der Mantka Riiba zu erfüllen. Es lastet wie ein leiser Schwur auf mir – und ich werde ihm gerecht werden, komme was wolle.
Vanoza
18. Rahja 1038
Zwischen Wut, Erstaunen und verborgenen Fäden
Nachmittag. Ich sitze in der Halle des Quacksalbers, die sich inzwischen zu einem sicheren Ort für mich entwickelt hat – vergleichbar mit den stillen Bibliotheken Aventuriens. Vielleicht aus genau diesem Grund habe ich diesen Ort aufgesucht, als ich verwirrt und voller Zorn Magister Wipppflüger aufgesucht und in einem Sturm von Emotionen durch Festum gestürmt bin.
Nun sitze ich hier, eine Kanne Beerenwein vor mir, nicht gewiss, ob sie ausreichen wird. Mein Notizbuch aufgeschlagen, die Feder in der Hand, der erste Meskinnis bereits getrunken, nicht unbemerkt von der hochgezogenen Augenbraue Yasmins. Ich sitze an unserem Stammplatz, früher als sonst, und weiß nicht, wo ich beginnen soll.
Wir – Wipppflüger, Nissara, Jadira, Thallian und auch Artach – hatten uns gerade bei Magister Wipppflüger versammelt, vertieft in ein Gespräch, als es an der Tür klopfte. Wie gewohnt öffnete Clara, doch die Stimme, die ertönte, ließ mich wie Eis erstarren:
„Wo ist dieser vermaledeite Unholde?!“
Selbst Magister Wipppflüger erstarrte einen Moment. Dann sprang er auf, in Richtung Tür. Ich versuchte, mich so klein wie möglich zu machen, doch blieb ich für alle sichtbar. Die Stimme – Großmutter Dorothea. Wieso war sie hier? Woher kannte sie Wipppflüger? Jadira, neugierig wie eh und je, schlich zur Tür. Ich suchte nach einem Fluchtweg, doch keiner war in Sicht. Unter den Tisch? Lächerlich. Kaum gedacht, stand sie plötzlich vor mir, in ihrer vollen Pracht, Reisegewand grau-grün – Nana Dotti.
Alle Blicke wanderten zwischen ihr und mir, ohne dass ein Wort fiel, ehe sie loslegte. Lorina, dieser Verräter, hatte Großmutter alles erzählt: von meinem Plan einer geheimen Organisation für Gerechtigkeit, Freiheit und Bildung. Ich erwartete ein Donnerwetter, doch nichts dergleichen. Stattdessen überschwängliches Lob: „Wie großartig es sei, Nandus zu folgen.“ Ich fragte Artach zur Bestätigung – tatsächlich, ich hatte es richtig gehört.
Und dann fiel das Wort, das mich wie ein Schlag traf: „Deine Enkelin…“
Enkelin? Wessen Enkelin? Des Wipppflügers? Großmutter Dotti und Wipppflüger?! Nein. Einfach nein. Wie konnte das sein? Wusste er es bereits? Wie lange schon? Ich bin seit einem dreiviertel Jahr bei ihm angestellt – und er sagte kein Wort.
Meine Gedanken überschlagen sich. War meine Unterstützung nur ein „Enkelinnen-Bonus“? Oder zählten meine Fähigkeiten und Ideale? Wusste Mutter davon? Wer wusste alles – nur ich nicht? Wut und Erschütterung wirbeln in mir.
Nun ergibt vieles einen bitteren Sinn: Keiner aus der Familie war magisch begabt, nur ich – ein Tropfen von Magie, niemals genug für eine Adeptin. Und dieser Limbus, der mir stets vor Augen geführt wird, alles ein Produkt der Verbindung zwischen Wipppflüger und Großmutter. Ich bin erschüttert, frustriert, wütend! Ich hätte mehr haben können! Wieder einmal wird mir vorgeführt, dass meine eigene Magie zugleich mein Kryptonit ist – wie Eisenfesseln eines Magiers.
Die zweite Kanne Wein steht vor mir, der Meskinnis bereit. Yasmin stellt still die Getränke ab, wagt es nicht, zu fragen. Ich hinterfrage meine gesamte Zeit in Festum. Hat Großmutter heimlich die Fäden gezogen, damit sich unsere Wege kreuzten? Wie soll ich künftig mit Wipppflüger umgehen? Wie ihn nennen – Großvater? Ich muss ein Gespräch suchen… heute, morgen, übermorgen… vielleicht sofort, vielleicht erst, wenn der Zorn verebbt ist.
Und Lorian – dieser Verräter! Alles weitergetragen an Großmutter. Er wird in meinem nächsten Brief hören, was ich von ihm halte. Bei unserer nächsten Begegnung erwartet ihn ein kräftiger Arschtritt.
Verwirrt, verletzt, wütend, Gefühle aufbrausend wie ein Sturm – ich verbleibe mit diesen Zeilen. Bald werden Erik und Olko eintreffen, zu unserem wöchentlichen Zusammenkommen.
Vanoza
19. Rahja 1038
Zwischen Reue und Vertrauen
Der Morgen danach.
Mein Kopf hämmert, als sei ein Trommler aus den Thorwalerlanden in meinem Schädel einquartiert. Der Beerenwein hat seine Spuren hinterlassen – und mit ihm das, was ich gestern in der Halle des Quacksalbers preisgegeben habe.
Ich erinnere mich noch deutlich: Erik, der mich mit diesem scharfen, prüfenden Blick fixierte, als wolle er jedes meiner Worte wie unter einer Lupe betrachten. Olko, der lärmend, aber herzlich reagierte, mit jener unverstellten Loyalität, die er wie eine Fahne vor sich herträgt. Und ich – ich habe ihnen mein Geheimnis offenbart. Nicht nur das Geheimnis, sondern die Wunde selbst: dass Magister Wipppflüger mein Großvater ist.
Die Worte hallen nach, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe Olo’s Faust auf den Tisch schlagen, höre sein „Das verändert alles!“. Ich sehe Eriks ruhige Züge, sein Schweigen, das schwerer wog als ein Dutzend Fragen. Und dann doch sein leises Bekenntnis: „Es macht uns stärker.“
War das Zuspruch – oder eine Mahnung?
Mir ist, als hätte ich in meiner Betrunkenheit den Schleier gelüftet, ohne recht zu wissen, ob der Anblick darunter Stärke schenkt oder Gefahr heraufbeschwört. Ich frage mich, ob ich den beiden zu viel anvertraut habe. Doch zugleich spüre ich – vielleicht war es notwendig. Wir sind zu dritt in diesem Bund, wir teilen Verantwortung und Gefahr. Kann ich da schweigen, wenn meine eigene Herkunft womöglich ein Faden im Netz ist, das uns alle umspannt?
Trotz allem verspüre ich ein Stück Erleichterung. Es ist gesagt, ausgesprochen, liegt nicht mehr wie ein Stein in meiner Brust. Ob sie mich anders sehen werden? Ob Erik mir vertraut, oder ob er jetzt erst recht auf Distanz geht? Und Olko – ja, sein Wort war ehrlich, aber wie lange hält es, wenn unser Unterfangen auf Messers Schneide steht?
Ich habe Angst, und ich habe Hoffnung. Beides zugleich.
Vielleicht ist das die wahre Wirkung des Weines: Er macht uns ehrlicher, als wir es wagen.
Möge Nandus mir Klarheit schenken, ob ich einen klugen Schritt getan habe – oder einen törichten.
Vanoza