Notizen einer Gelehrten 1039BF
06. Praios 1039 BF
Erst jetzt finde ich die Ruhe – oder vielleicht nur die Erschöpfung –, das Erlebte in Zeilen zu bannen. Die Namenlosen Tage dieses Jahres haben Spuren hinterlassen, tiefer, als ich es mir eingestehen möchte. Sie haben an meinen Grundfesten gerüttelt, an Überzeugungen, die ich für tragfähig hielt, und an Werten, die ich bislang nicht hinterfragt habe.
Ich erkenne, dass sich nicht nur mein Blick auf andere verschoben hat, sondern auch auf die Welt selbst. Dinge, die ich bislang für Sagenstoff hielt, für überzeichnete Metaphern in alten Chroniken, haben sich als real erwiesen.
Vampire.
Ich habe sie stets den Randnotizen zugeordnet, dem Bereich zwischen Aberglauben und moralischer Allegorie. Und doch existieren sie. Diese Erkenntnis allein hätte einst genügt, um mich wochenlang in Bibliotheken zu fesseln. Nun bleibt kaum Raum für Staunen – nur für die nüchterne Akzeptanz einer gefährlicher gewordenen Wirklichkeit.
Großmutter Dotti sucht seit Tagen das Gespräch mit mir. Beharrlich, neugierig, ganz Nandusgeweihte. Doch ich bin nicht bereit zu sprechen. Nicht über das, was geschehen ist. Nicht über das, was mich erschüttert hat. Und schon gar nicht über das, was mich nun verändert.
Bevor ich fortfahre, sei mir ein Einschub gestattet.
Großmutter Dotti,
ich weiß, dass deine Absichten gut sind. Und dennoch bitte ich dich – nein, ich appelliere an deine Vernunft –, hier nicht weiterzulesen. Ich werde zu gegebener Zeit auf dich zukommen, wenn ich Worte dafür habe. Derzeit suche ich Ordnung, innere Struktur, ein neues Gleichgewicht. Diese Zeilen sind Teil dieses Versuchs.
Dies ist mein Notizbuch. Meine Gedanken. Meine Zweifel. Auch wenn du noch so große Rätsel darin vermuten magst – dieses ist nicht für dich bestimmt. Lege es zurück, dorthin, wo du es gefunden hast. Ich danke dir.
…
Nun also.
Alles begann mit einer Nachricht von Erik, überbracht von Goblins am ersten der Namenlosen Tage. Ein Auftrag. Ein vermisstes junges Mädchen.
Großmutter – ich kenne dich zu gut. Bitte. Lege das Notizbuch jetzt beiseite. Ich verspreche dir, deinen Rat zu suchen, wenn ich dazu in der Lage bin. Doch nicht jetzt. Nicht hier.
(Zahlreiche Zeilen und Seiten sind geschwärzt.)
Was bleibt, sind Fragen. Zu viele, um sie still zu ertragen.
Ein Brief.
Versiegelt mit dem Zeichen von Eriks Familie.
Der Inhalt: Hinweise auf Mädchenhändler.
Weiß Erik davon?
Ist er eingeweiht – oder gar Teil davon?
Und wenn ja: seit wann? Und in welchem Umfang?
Wie gehe ich damit um, ohne vorschnell zu urteilen?
Kann ich ihm noch vertrauen?
Oder war dieses Vertrauen von Beginn an eine wohlfeile Annahme meinerseits?
Diese Ereignisse haben weitere Fragen aufgeworfen:
Können wir Erik vertrauen?
Wie steht Olko zu alldem?
Gibt es Verbündete, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein?
Und die schwerste Frage von allen:
Zu welchen Mitteln bin ich – ist das Geflüster – künftig bereit zu greifen?
Mein Anteil der Beute wird vollständig in die Organisation fließen.
Für das, was vor uns liegt, werden wir Geld benötigen. Viel Geld.
Ideale allein tragen keine Strukturen.
Ich halte fest, was an Kontakten geknüpft wurde, nüchtern, beinahe wie ein Verzeichnis, als könne Ordnung im Äußeren das Innere beruhigen:
Talafeyar Rahjakind – Tempelvorsteher Perricum
Yasmina saba-es-Sulef – Tempel zu Belhanka
Amaziella Bosvani – Tempel zu Belhanka
Levaska & Tuarmash – Bornland
Sollten wir Menschenhändlerringe explizit in den Aufgabenbereich des Geflüsters aufnehmen?
Der Gedanke, Unschuldige zu schützen, drängt sich mir immer wieder auf – nicht romantisch, sondern zwingend.
Doch wie?
Und mit welchen Mitteln?
Kann ich Nissara und Artach nach diesen Ereignissen als Mitglieder des Geflüsters betrachten?
Oder überhaupt als Verbündete?
Und wenn sie sich nicht binden wollen – bleibt dann nur Mithilfe gegen Vergütung?
Schon wieder kreisen meine Gedanken mehr um andere als um mich selbst.
Was ist mit mir?
Wie gehe ich mit all dem um?
Wie stehe ich – nach allem – zum körperlichen Akt, zur Nähe, zur Berührung?
Vielleicht sollte ich den Rahjageweihten schreiben. Um Rat bitten. Um Hilfe.
Für den Moment jedoch habe ich mir etwas Profanes angewöhnt.
In der Halle des Quacksalbers habe ich eine Vorliebe für Wasakier entwickelt, neu auf die Karte gesetzt von Yasmina. Er schmeckt scharf, brennt wie das Leben in einer offenen Wunde und hinterlässt einen Nachgeschmack, der Wandel verspricht. Derzeit dient er mir als Krücke – eine, die mir erlaubt, überhaupt weiterzumachen.
Und dann ist da noch der „Duke“ - Lyos Saba Zios.
Ein äußerst charismatischer Händler, der alles zu beschaffen vermag. Zu Beginn aufdringlich, insbesondere gegenüber hübschen Frauen, doch letztlich ein Mann, der sich als erstaunlich verlässlich erwiesen hat. In den Namenlosen Nächten hat er uns mehr als einmal geholfen.
Ich würde ihn gern für das Geflüster gewinnen.
Einen solchen Händler können wir gebrauchen.
Doch was können wir ihm bieten?
Bei all den neuen Krisen darf ich meine eigentliche Aufgabe dennoch nicht vergessen.
Der Manka Riiba habe ich ein Versprechen gegeben.
Dafür muss ich weiter die Stammbäume des Adels von Festum durchdringen – nein, des gesamten Bornlandes – und immer tiefer in die Geschichte der Theaterritter eintauchen.
Wissen war stets mein Anker.
Ich hoffe, er hält noch.
Vanoza
27. Efferd 1039
Vom Flüstern der Stadt und leisen Fortschritten
Beschämend lange habe ich dieses Notizbuch nicht mehr geöffnet. Ich redete mir ein, es sei der Mangel an Zeit – und gewiss, die letzten Wochen waren angefüllt mit Aufgaben. Doch wenn ich ehrlich bin, war es nicht nur Zeit, sondern auch Scheu vor den eigenen Gedanken.
Die Organisation – das Geflüster – bietet Chancen, aber sie fordert auch ihren Tribut. Wir arbeiten weiterhin an einem Plan, Frauen, Kinder – nein, Menschen – aus den Fängen von Menschenhändlern zu befreien. Ein ambitioniertes Unterfangen, dem es noch an einem tragfähigen Netzwerk mangelt.
Erfreulicherweise konnten wir inzwischen Nissara und Artach den Schwur des Geflüsters abnehmen lassen. Sie sind nun offizielle Mitglieder unserer kleinen, doch wachsenden Gemeinschaft. Es tat gut, diesen Moment mitzuerleben – das leise Wissen, dass aus einzelnen Stimmen langsam ein Chor wird.
Selbst der „Dude“ (Lyos Saba Zios) – dessen Zurückhaltung zunächst beinahe legendär war – ließ sich schließlich gewinnen. Mit einer gehörigen Portion Überredungskunst, einigen überzeugenden Argumenten und dem Bereitstellen des ein oder anderen hilfreichen Kontaktes konnten wir auch ihn für das Geflüster gewinnen. Es scheint, als beginne das Netz, das wir so vorsichtig knüpfen, langsam Gestalt anzunehmen.
Erik schleicht inzwischen regelmäßig in das Arbeitszimmer seines Vaters, um Einsicht in dessen Machenschaften zu erlangen. Ein riskantes Spiel, doch bislang erfolgreich. Vor allem konnte er uns glaubwürdig versichern, selbst nichts mit den Mädchenhändlern zu tun zu haben – ein Zweifel, der unausgesprochen doch zwischen uns stand.
Um unseren Zusammenhalt zu besiegeln – als Trio, als Teil des Geflüsters und doch auch als eigenständige Menschen – entschieden wir uns schließlich für ein gemeinsames Körperbild. Ein Symbol, das unsere Verbindung zeigt und zugleich Raum für unsere Individualität lässt.
Ich trage meines auf der linken Brust, nahe am Herzen. Denn Olko, Erik und auch das Geflüster sind mir eine Herzensangelegenheit geworden. Zugegeben – es bedurfte zweier Waskirer, um genügend Mut aufzubringen, den nächsten thorwalschen Hautbildstecher aufzusuchen. Doch als die Nadel schließlich ihre Arbeit begann, fühlte sich der Schmerz seltsam richtig an – wie ein stiller Schwur unter der Haut.
Das Problem mit der korrupten Druckerei konnten Sierra und Erik glücklicherweise lösen. Wie genau sie es anstellten, bleibt ihr Verdienst – doch wir sind nun frei von jener unseligen Verbindung, und der Laden ist aufgeflogen. Gedruckt wird nun in der "Schiffsglocke" im Festumer Hafen. Dank einer großzügigen Spende zum Wiederaufbau gewannen wir das Vertrauen des Inhabers.
Die Minderheiten der Stadt werden weiterhin behandelt wie Abschaum. Doch in den Gassen wird geflüstert – und das ist gut. Denn solange Menschen flüstern, haben sie Hoffnung.
Mit Erik… läuft es gut. So gut, wie es unter unseren Verpflichtungen möglich ist. Spaziergänge im Park, ein Theaterbesuch, ein Abend in einem Lokal mit vorzüglichen Speisen. Und doch spüre ich, dass die Namenlosen Tage ihre Spuren hinterlassen haben. Mehr als Händchenhalten, ein Kuss oder das Liegen in seinen Armen vermag ich bislang nicht zuzulassen. Obwohl ich ihn wirklich mag.
Olko hingegen fällt es sichtbar schwer, uns miteinander zu sehen. Für ihn empfinde ich Zuneigung, ja – doch eher brüderlicher Natur. Ich hoffe, die Zeit wird seine Wunden mildern.
Großmutter Dotti weilt noch immer in Festum. Nach den Ereignissen in der Bardo-Therme will sie mich offenbar nicht aus den Augen lassen. Mein regelmäßiger Waskirer-Konsum ist ihr gewiss nicht entgangen, ebenso wenig die abendliche Pfeife. Vielleicht liegt eine gewisse Neigung dazu tatsächlich in Großvaters Genen.
Mit Großvater Wipppflüger hat sich unser Verhältnis wieder beruhigt. Mehr noch – es ist vertrauter geworden, beinahe inniger, auch wenn es noch Zeit braucht. Tagsüber unterstütze ich ihn bei seinen Papieren, abends steht er mir als Ratgeber für das Geflüster zur Seite.
Auch zu Jucho konnte ich inzwischen Kontakt knüpfen. Er hat mich gewissermaßen unter seine Fittiche genommen und führt mich in das politische Geschehen und die Staatskunst ein. Ein brillanter Kopf, ein hervorragender Politiker – und womöglich ein wertvoller Verbündeter.
Für unsere Organisation konnten wir die Tempelvorsteherin des Hesindetempels gewinnen – welch Zufall, dass sie eine alte Bekannte Großmutters ist. Manchmal scheint es, als bestünde die Welt aus nichts als unsichtbaren Fäden, die nur darauf warten, erkannt zu werden.
Mit den Rahjageweihten Talafeyar, Amaziella und Yasmina stehe ich weiterhin in regem Austausch. Gemeinsam wollen wir ein Netzwerk gegen unfreiwillige Prostitution und Mädchenhandel aufbauen. Doch auch persönlich stehen sie mir bei, besonders Thalafeya und Yasmina. Mit ihrer Hilfe konnte ich die Ereignisse in der Bardo-Therme ein Stück weit aufarbeiten. Ich habe die entsprechenden Seiten in diesem Buch geschwärzt – nicht aus Verdrängung, sondern um wieder Zugang zum Schreiben zu finden. Denn vermisst habe ich es. Sehr sogar.
Heute erreichte uns die Nachricht, dass die Thorwalertrommel wieder aufgetaucht sei. Nicht bei Umerike Sujeloff, wie vermutet, sondern bei Norbarden an der Hardener Seenplatte. Timskis Leute sind bereits unterwegs, um sie durch Verhandlungen zurückzugewinnen. Es hätte mich gewundert, hätte er aufgegeben – so krankhaft vernarrt, wie er war oder ist.
Im Namen des Freibundes sollen nun auch wir zur Hardener Seenplatte reisen, um die Verhandlungen zu überwachen. Morgen treffen wir die Vorbereitungen und am darauffolgenden Tag wollen wir los.
Es scheint, als gönne Efferd selbst mir keine ruhigen Gewässer. Und doch – solange geflüstert wird, solange geschrieben wird, solange gedacht wird – ist Bewegung im Spiel. Und Bewegung bedeutet Hoffnung.
Vanoza
2. Travia 1039
Zwischen Federkiel und Pferdesattel
Erst heute finde ich wieder die Muße, zu meinem Notizbuch zu greifen. Die vergangenen Tage waren von Aufbruch, Eile und nicht zuletzt der Wildnis geprägt – eine Mischung, die meinem Wesen als Bücherfreundin und Gelehrte nicht eben entgegenkommt.
Nun sitze ich hier am Tisch des Hotels Kirschblüte in Kirschhausen, frisch aus einem wohltuend heißen Badezuber. Der Dampf scheint mir noch in den Haaren zu hängen, und meine Glieder danken mir diese seltene Stunde der Ruhe. Nissara schläft bereits – erschöpft von der Reise –, während ich die Feder in die Hand nehme, um die Ereignisse der letzten Tage zu ordnen.
In meinem letzten Eintrag vom 27. Efferd berichtete ich noch davon, dass unsere Gruppe – Artach, Nissara, Thallian und ich – im Auftrag des Freibundes zur Hardener Seenplatte aufbrechen sollte, um dort die Verhandlungen über die Thorwalertrommel zu überwachen. Der Plan war schlicht: Am 28. Efferd wollten wir die Vorbereitungen treffen und am 29. Efferd die Reise antreten.
Doch wie so oft hat das Leben wenig Interesse an wohlgeordneten Plänen.
Am 28. erschien Olko völlig aufgebracht bei Magister Wipfflüger. Ein Goblin namens Pränwarth war zu ihm gekommen – sichtlich aufgelöst – und berichtete von einem Vorfall, der uns alle erschütterte.
Jänni, eine Schülerin der Mantka Riiba, sei von ihrer Lehrmeisterin verstoßen worden. Ihr Vergehen: Sie hatte ein magisches Geheimnis preisgegeben – etwas, das eine Schülerin jener Tradition unter keinen Umständen tun darf. Zur Buße wurde sie in die Rote Sichel geschickt, zu Triinun Steinzahn von der Lungai-theludzi-Sippe.
Doch Jänni war nicht allein aufgebrochen. Ihr Liebster Brutsch sowie Pränwarth begleiteten sie auf dem Weg.
Unterwegs jedoch wurden sie von einem gewissen Jaroslaw von Kirschhausen-Krabbwitzkoje gefangen genommen und entführt.
Olko fasste augenblicklich den Entschluss aufzubrechen. Es kostete uns einiges an Mühe, ihn überhaupt zum Innehalten zu bewegen. Letztlich konnten wir ihn nur dazu bewegen, nicht allein zu gehen.
So brachen wir gemeinsam auf: Nissara, Artach, Thallian, Olko und ich.
Olko selbst fuhr in einer Kutsche, gelenkt von einer bemerkenswert stoischen Kutscherin, während wir anderen zu Pferd ritten. Eine Entscheidung, deren Folgen mein Hinterteil inzwischen sehr eindrücklich kommentiert.
Unsere Route führte uns von Festum über Alderrow nach Nivesel, von dort weiter über Blütenfeld nach Hamheln, wo wir nach Hulger übersetzten. Erst von Hulger aus gelangten wir schließlich wieder in halbwegs geordnete Zivilisation – nach Kirschhausen.
So sehr ich die Schönheit der Natur anerkennen kann, muss ich doch gestehen: tagelanges Reisen durch die Wildnis, verbunden mit Nächten unter freiem Himmel, gehört nicht zu meinen bevorzugten Lebensumständen. Trotz Zelt und Decke fror ich stellenweise erbärmlich, und bequem ist ein Lager aus Wurzeln und Steinen ebenfalls nicht.
Umso dankbarer war ich für Thallians Vorschlag, uns heute eine ordentliche Unterkunft zu gönnen. Der Badezuber war eine Offenbarung. Warmes Wasser, das den Staub der Straße und den Schmutz der Reise von der Haut wäscht, besitzt beinahe heilende Kräfte.
Olko hingegen findet kaum Ruhe. Seine Gedanken kreisen unaufhörlich um Jänni und Brutsch – seine Freunde. Wer wollte es ihm verdenken.
Inzwischen wissen wir mehr: Jänni, Brutsch und ihre Entführer sind zu Timskis Leuten gestoßen. Die Gruppe scheint stetig zu wachsen und sich zu einem regelrechten Trupp zu entwickeln.
Sie sind uns noch einige Tage voraus. Doch wenn unsere Berechnungen stimmen, sollten auch wir in etwa drei Tagen die Hardener Seenplatte erreichen – jenen Ort, an dem wir Jänni und Brutsch nun vermuten.
Und während ich diese Zeilen schreibe, drängen sich noch andere Gedanken in mein Gemüt. Erik ist in Festum geblieben. Die Umstände zwangen uns zu diesem Schritt, doch nun liegt vieles in seinen Händen. Das Geflüster verlangt Aufmerksamkeit, Planung, Vorsicht – und gerade jetzt scheint so vieles gleichzeitig in Bewegung geraten zu sein.
Ich vertraue ihm. Mehr noch: Ich weiß um seinen scharfen Verstand und seine Entschlossenheit. Dennoch frage ich mich, ob es zu viel ist, was wir ihm aufgebürdet haben. Ein Netz aus Geheimnissen, Kontakten und Intrigen will gepflegt werden, und wir drei waren bislang stets gemeinsam darin verwoben. Nun steht er eine Zeit lang allein im Zentrum dieses Geflechts.
Es ist ein seltsames Gefühl, so weit entfernt zu sein und nicht eingreifen zu können. Vielleicht ist dies der wahre Preis einer Organisation wie der unseren: dass man lernen muss, Verantwortung zu teilen – und zugleich die Sorge auszuhalten, wenn man die Dinge aus der Hand geben muss.
Für den Moment jedoch ruft das Bett. Die letzten vier Tage haben nicht nur Kraft gekostet, sondern – wie Thallian und Artach mit gewisser Belustigung erklärten – auch mein sogenanntes Sitzfleisch. Reiten müsse geübt werden, sagten sie, und erst mit der Zeit gewöhne sich der Körper an den Sattel.
Ich hoffe sehr, dass sie recht behalten.
Denn so sehr ich mich bemühe, der Wildnis etwas abzugewinnen – eine staubige Bibliothek erscheint mir nach wie vor als der deutlich angenehmere Aufenthaltsort.
Vanoza
06. Travia 1039
Zwischen Sorge, Versuchung und dem leisen Zauber des Waldes
Olko liegt neben mir und schläft.
Sein Atem geht ruhig und gleichmäßig, und in diesem stillen Moment wirkt er so friedlich, dass man kaum glauben mag, welch Sturm aus Sorge, Zorn und innerer Unruhe sich sonst so oft hinter seinen Augen sammelt. Eine Strähne seines rotblonden Haares ist ihm ins Gesicht gefallen, und beinahe gedankenverloren streiche ich sie behutsam zur Seite, darauf bedacht, ihn nicht zu wecken.
Ich lasse ihn schlafen.
Gerade scheint mir der Schlaf der einzige Ort zu sein, an dem seine Seele wirklich zur Ruhe kommt, fern von den Sorgen um Jänni und Brutsch, fern von den dunklen Gedanken, die ihn seit Tagen begleiten.
Nie hätte ich geglaubt, dass Olko mir noch einmal gefährlich werden könnte – und doch meine ich damit weder Klinge noch Zauber, sondern etwas sehr viel Heimtückischeres.
Mein eigenes Herz.
So lange schon stehe ich zwischen zwei Stühlen: zwischen Olko und Erik, zwischen dem, was mein Verstand mir rät, und dem, was mein Herz mir zuflüstert, zwischen Vergangenheit und einer Zukunft, die noch immer ungewiss vor mir liegt.
Noch vor wenigen Tagen war ich überzeugt, dass die größten Schwierigkeiten dieser Reise in der Natur selbst lägen – im Staub der Wege, in den unbequemen Nächten unter freiem Himmel oder in den heiklen Gesprächen, die uns im Heerlager erwarteten.
Doch inzwischen beginne ich zu begreifen, dass der schwierigste Gegner dieser Reise nicht vor mir liegt.
Er sitzt in meinem eigenen Inneren.
Die Nacht in Kirschhausen, in einem echten Bett und unter einer warmen Decke, erschien mir nach den Strapazen der Reise beinahe wie ein kleines Geschenk der Götter. So schlicht dieser Komfort auch war, empfand ich ihn doch als überaus wohltuend.
Am nächsten Morgen brachen wir, gestärkt von einem guten Frühstück, erneut auf und setzten unseren Weg nach Harden fort.
Zwei weitere Nächte verbrachten wir unter freiem Himmel, bis wir schließlich am frühen Abend das Dorf erreichten.
Das Gasthaus dort war beinahe vollständig ausgebucht. Offenbar hatten sich bereits viele Leute aus Timskis Trupp einquartiert, sodass wir Glück hatten, überhaupt noch Zimmer für unsere kleine Gruppe zu bekommen. Man sagte uns, das Heerlager sei von hier aus nur noch einen Tagesmarsch entfernt.
Morgen also.
Morgen würden wir endlich dort sein.
Und vielleicht – so hoffte ich – würden wir dort auch Jänni und Brutsch finden.
Im Schankraum des Gasthauses speisten und tranken wir gemeinsam, doch das Angebot war eher spärlich. Vermutlich hatten Timskis Leute bereits den größten Teil der Vorräte für sich beansprucht.
Während wir so beisammensaßen, erhob sich ein Mann von seinem Platz.
Er hatte dunkles Haar, einen Bart und jene Art von selbstbewusster Ausstrahlung, die viele Menschen zunächst als Charme missverstehen.
Er stellte sich als Rutjew von Arauken vor und begann zu sprechen.
Zunächst hielt ich seine Worte für eine gewöhnliche Rede, doch schon nach wenigen Sätzen wurde mir klar, dass es sich vielmehr um eine gezielte Aufwiegelung handelte.
Eine Hetzrede.
Jucho hatte mir einst erklärt, dass eine gute Rede vor allem eine Frage der Übung sei. Der Inhalt sei dabei beinahe zweitrangig; entscheidend sei vielmehr, wie man seine Worte formt, wann man eine Pause setzt, wann man Pathos einsetzt und wann man die Zuhörer mit einem wohlplatzierten Bild in seinen Bann zieht.
Rutjew verstand dieses Handwerk.
Und gerade deshalb war er gefährlich.
Neben mir spürte ich, wie Olko sich zunehmend verkrampfte. Seine Schultern spannten sich an, und langsam ballten sich seine Hände zu Fäusten. Zunächst legte ich meine Hand nur sanft auf sein Knie, doch je weiter Rutjew von Ruhm, Heldentaten und den sogenannten Theaterrittern sprach, desto fester wurde mein Griff.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Olkos Atem schneller ging.
Noch ein paar Sätze – und er wäre aufgesprungen.
Nicht nur gegen Rutjew.
Sondern gegen das ganze, überfüllte Gasthaus.
Also tat ich das Einzige, was mir in diesem Moment einfiel.
Ich nahm sein Gesicht in beide Hände, drehte ihn zu mir und küsste ihn.
Nicht leidenschaftlich, nicht lang – nur gerade so lange, dass seine Gedanken aus dem Takt gerieten.
Die Verwirrung in seinen Augen dauerte nur einen Augenblick.
Doch dieser Augenblick genügte.
Ich griff nach seiner Hand und zog ihn durch die Menge hinaus an die frische Abendluft.
Draußen begann er sofort, sich über Rutjews Worte zu empören, und ich musste alle Mühe aufbringen, ihn zu beruhigen – und vor allem seine Stimme zu dämpfen, bevor jemand aus dem Gasthaus auf uns aufmerksam wurde.
Kurz darauf stieß auch Nissara zu uns, und gemeinsam liefen wir eine Weile durch Harden, redeten auf ihn ein und versuchten, seine Gedanken von der Rede abzulenken.
Doch während ich sprach, waren meine eigenen Gedanken kaum weniger verworren.
Der Kuss.
War er klug gewesen?
Oder nur ein verzweifelter Versuch, eine angespannte Situation zu entschärfen?
Ich wusste es nicht.
Als wir später ins Gasthaus zurückkehrten, war Rutjews Rede längst beendet, doch der Schankraum war weiterhin erfüllt von Stimmen und Gelächter.
Thallians Strategie für den restlichen Abend erwies sich als bemerkenswert schlicht: Er versorgte Olko mit reichlich Alkohol, in der Hoffnung, der Rausch möge für einige Stunden die Sorgen um Jänni und Brutsch in den Hintergrund drängen.
Als ich schließlich zu Bett gehen wollte, sprangen auch Olko und Nissara auf.
Nissara huschte rasch in unser Zimmer, während Olko und ich allein im Flur zurückblieben.
Sofort begann er wieder zu sprechen, und seine Sorgen sprudelten aus ihm heraus wie Wasser aus einer aufgestoßenen Quelle.
Ich legte meine Hände an sein Gesicht und zwang ihn, mich anzusehen, versicherte ihm ruhig, dass wir Jänni und Brutsch finden würden und dass alles gut werden könne, wenn wir nur klug vorgingen.
Dann versuchte er mich zu küssen.
Ich wich zurück.
Schon während unseres Spaziergangs hatte ich begonnen zu zweifeln, ob mein Kuss im Schankraum klug gewesen war, und nun sah ich das leise Flehen in seinen Augen, als er mich fragte, ob ich diese Nacht bei ihm verbringen würde.
Es tat mir weh, ihn so zu sehen.
Doch ich wusste, dass es keine gute Idee gewesen wäre.
Also wünschte ich ihm eine gute Nacht und ging zu Nissara ins Zimmer.
Der Schlaf jedoch wollte lange nicht kommen.
Immer wieder fragte ich mich, ob ich zu ihm hätte gehen sollen, und ob ich mit diesem Kuss nicht mehr Verwirrung gestiftet hatte, als mir lieb war.
Und dann war da noch Erik.
Er war in Festum geblieben, hielt dort alles zusammen und wartete auf unsere Rückkehr.
Doch Erik war nicht hier.
Olko schon.
So lag ich lange wach, gefangen in meinen eigenen Gedanken, bis mich schließlich doch der Schlaf übermannte.
Am nächsten Morgen brachen wir auf, um das Heerlager zu erreichen.
Doch am Nachmittag wurden wir auf einem Schotterweg plötzlich aufgehalten.
Vor uns stand eine verletzte junge Frau mit einem Rondrakamm in der Hand – eine Rondrageweihte. Hinter ihr lagen zwei junge Männer reglos am Boden, während sich vor ihr zwei gewaltige Bornbären aufrichteten.
Der Kampf schien aussichtslos.
Thallian und Artach preschten sofort vor, um ihr zu helfen, während ich mit Olko bei der Kutsche blieb und Nissara zunächst zögerte.
Der Kampf war verzweifelt.
Drei Menschen gegen zwei dieser gewaltigen Bestien.
Schließlich wirkte Nissara einen Blitz dich find, der einen der Bären blendete, sodass die anderen ihn in die Flucht schlagen konnten. Der zweite Bär geriet daraufhin in Raserei und riss die Geweihte zu Boden, doch schließlich gelang es ihnen auch, diesen Koloss zu vertreiben.
Die Geweihte stellte sich als Leudara von Firunen vor und erklärte, sie gehöre zum Heerlager.
Ich hielt mich ihr gegenüber eher zurück.
Doch Olko trat vor und erklärte ohne Zögern unseren Auftrag, was mich innerlich seufzen ließ – denn nun gab es kein Zurück mehr.
Wir wurden ins Heerlager eingeladen.
Dort betrachtete man uns mit unverhohlenem Misstrauen, denn wir passten kaum in das Bild aus Soldaten, Jägern und Kriegern.
Kurz darauf lernte ich auch Jaruslaw kennen – einen Mann, dessen selbstgefälliges Auftreten und plumpe Annäherungsversuche mir einen Schauer des Ekels über den Rücken jagten.
Glücklicherweise gelang es Thallian, ihn abzulenken.
Ich ergriff Olkos Hand und zog ihn weiter durch das Lager.
Und dann sahen wir sie.
Jänni und Brutsch.
Angekettet, abgemagert, misshandelt und neben einem Wolfshund an einen Pflock gebunden.
Der Anblick schnürte mir die Kehle zu.
Olko wollte sofort losrennen, doch ich hielt ihn fest, nahm sein Gesicht in meine Hände und zwang ihn, mich anzusehen.
Jetzt durften wir nichts Unüberlegtes tun.
Kurz trafen sich unsere Blicke mit denen der beiden Gefangenen.
Sie hatten uns gesehen.
Und auch sie verstanden.
Am folgenden Tag ritten wir zur Jagd in den Wald.
Olko und ich saßen gemeinsam auf Jascha, und seine Hände ruhten dabei auf meinen Oberschenkeln – nicht dort, wo sie gewöhnlich lagen. Seine Nähe und die Wärme seines Körpers hinter mir machten es mir zunehmend schwerer, mich auf das Reiten zu konzentrieren, weshalb ich beinahe erleichtert war, als Thallian schließlich die Zügel übernahm und Jascha führte.
Im Wald begegneten wir schließlich einem Rudel Wölfe, woraufhin wir uns voneinander trennten.
Als Olko und ich versuchten zurückzureiten, verirrten wir uns.
Auf einer Lichtung stiegen wir schließlich ab – doch kaum hatte ich den Boden betreten, zog ich Olko rasch ins Gebüsch, denn mitten auf der Lichtung lag ein Feenkreis.
Ich hatte genug darüber gelesen, um Vorsicht walten zu lassen.
Während ich ihm erklärte, weshalb wir Abstand halten sollten, strich er mir plötzlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Es war eine so kleine Geste.
Und doch brachte sie meine Worte zum Verstummen.
Dann küsste er mich.
Dieser Kuss war anders als der im Gasthaus.
Warm.
Sanft.
Und er ließ ein feines Prickeln durch meinen Körper wandern, wie das erste Klingen einer Saite.
Ich ließ die Zügel von Jascha los.
Als er mich erneut küsste, diesmal leidenschaftlicher, zog er mich näher an sich. Sein Duft – eine Mischung aus Pfeifentabak, Sandelholz und etwas, das mich an alte Bücher erinnerte – umgab mich, während die Welt um uns herum für einen Moment still zu stehen schien.
Wir sanken ins weiche Moos.
Der Wald rauschte leise um uns herum, als hätte er seine eigene Melodie, und für eine Weile verlor die Zeit jede Bedeutung.
Als wir später nebeneinander lagen, warm und erschöpft, hörte ich plötzlich eine Stimme.
„Danke, dass ihr das Land gehuldigt habt.“
Olko hatte sie ebenfalls gehört.
Als wir uns wieder ankleideten, bemerkte ich noch etwas anderes:
Der Feenkreis war größer geworden.
Wir suchten nach einem Weg zurück, doch immer wieder fanden wir uns erneut auf derselben Lichtung wieder. Schließlich gaben wir für einen Moment auf und betrachteten gemeinsam den Sonnenuntergang.
Sein Arm lag um meine Taille, mein Kopf ruhte an seiner Schulter, während der Himmel in warmen Farben brannte, als hätte Travia selbst ein Feuer am Horizont entzündet.
Artach fand uns schließlich dort und brachte uns zurück zum Lager.
Am Abend saßen wir gemeinsam am Lagerfeuer, während Nissara von unseren Erlebnissen aus den Namenlosen Nächten erzählte und die Männer ihr gebannt lauschten.
Doch ich hörte nur halb zu.
Ich lehnte an Olkos Schulter, genoss seine Wärme, und manchmal flüsterte er mir etwas zu, worauf ich antwortete, indem ich kleine Worte in Nanduria in seine Handfläche schrieb.
Als Rutjew später erneut zu einer seiner Reden ansetzte, zog ich Olko einfach fort.
In unserem Zeltlager legte ich meinen Schlafsack dicht neben seinen, und unter einer gemeinsamen Decke lagen wir lange schweigend nebeneinander, während meine Finger weiterhin kleine Worte in seine Hand zeichneten.
Schließlich beugte ich mich zu ihm.
Unsere Lippen fanden sich erneut.
Seine Hände wanderten von meinem Haar über meine Taille zu meiner Hüfte, während die Welt draußen hinter dem Zeltstoff und der Dunkelheit verschwand.
Als gäbe es keinen Morgen, verloren wir uns noch einmal ineinander.
Und irgendwann schlief ich an seiner Seite ein – warm, geborgen und zugleich mit dem leisen Wissen im Herzen, dass dieses Gefühl, so tröstlich es auch sein mochte, ein neues Rätsel in mir geschaffen hatte.
Ein Rätsel, das selbst eine Gelehrte nicht so leicht zu lösen vermag.
Vanoza