Jegoro Kruschin
Wir schreiben das Jahr 1023 nach Bosparans Fall. Hart und eisig fegen Nordostwinde vom Ehernen Schwert ins Tal hinab und hüllen Notmark in tiefe, winterliche Stille. Draußen vor den Palisaden tobt Firuns wilde Jagd und wer irgendwie kann, bleibt daheim nahe der Feuerstelle und bittet Tsa um einen zeitnahen Wetterumschwung, sobald sich ihr Mond am Himmel zeigt, was in wenigen Tagen der Fall sein wird.
In einer kleinen Kate am nordwestlichen Stadtrand, unweit des Hafenviertels, haben es die lokale Medica Thila Kruschin und ein Kavalier der Rahja namens Orelio Quesada trotz der äußeren Umstände warm und gemütlich. In einer kleinen Schlafkammer trotzten sie der nächtlichen Kälte und gaben sich Rahjas Freuden hin.
Im abnehmenden Traviamond des Jahres 1024 nach Bosparans Fall schenkte die Göttin den Liebenden einen Sohn.
Gesegnet mit der bornländischen Warmherzigkeit seiner Mutter und und der tulamidischen Eleganz seines Vaters war Jegoro ein Sein zwischen den Welten vorherbestimmt.
Dies war den Eltern bereits beim Namen bewusst. Im Bornland wird er Jegor gerufen, die Mittelländer und Horasier nennen ihn Gregorio. Lediglich den südaventurischen Zungen geht das kehlige, scharfe J korrekt von den Lippen, weshalb Jegoro besonders die Leute schnell ins Herz schließt, die nördlich von Al’Anfa aufgewachsen in der Lage sind, seinen Namen richtig auszusprechen.
Jegoro wuchs zunächst bei der Mutter in Notmark auf. Sein Vater bekam immer wieder Aufträge der Rahja-Kirche, die ihn in die Welt beorderten. Doch – möglicherweise untypisch für einen Kavalier der Rahja – zog es Orelio bei jeder Gelegenheit zurück zu Frau und Sohn an den Fuß des Ehernen Schwertes.
Vater und Mutter suchten nach Möglichkeiten einer stabilen, gemeinsamen Zukunft, die sich 1029 BF bieten sollte. Beide schafften es mit Hilfe der Götter, zusammen in die Stadt Zorgan zu ziehen.
Vater Orelio bekam einen festen Dienstplatz im Rahja-Tempel zu Zorgan, Mutter Thila durfte im Tempel der Peraine vor Ort eine Stelle als Medica besetzen und erarbeitete sich rasch mit ihrem Wissen über Arzneien und Kräutern des Nordostens einen exzellenten Ruf.
Als kleiner Junge war Jegoro ständiger Gast in beiden Tempeln und obgleich das Verhältnis zu seiner Mutter ein inniges ist, war ihm relativ rasch klar, dass es die Göttin der Liebe ist, die sein Leben in ihrem Dienst fordert.
Bereits mit sieben Jahren übernahm er feste Dienste im Tempel, half bei kleineren Arbeiten und unterstützte die Novizen, wenn diese es zuließen, was nach kurzer Zeit sehr regelmäßig der Fall war, da Jegoro eine beachtliche Menge an Eifer und Talent in sich vereinte.
Dieser Eifer stellte sich für Jegoro jedoch eher als Dienst an den Menschen, die ihn umgeben dar als eine besondere Hingabe und Nähe gegenüber den Göttern. Trotz seines Interesses zu Lehren und Ritualen der Kirchen (sowohl Rahja als auch Peraine) fühlte er für sich keinen allzu intensiven Glauben, im Sinne einer spirituellen Nähe zu den Göttern. Ein Umstand, der ihn durchaus geplagt hat, bis er mit seiner Freundin Yasmina, deren Eltern Diener der Peraine sind, darüber sprach. Sie hatte aus denselben Gründen Ängste, ihre Eltern oder die Götter selbst zu enttäuschen.
Die beiden versprachen sich, der Kirche und den Menschen zu dienen und damit die Götter so zu erfreuen, dass diese ihnen die fehlende spirituelle Verbindung nachsehen mögen.
In den Grundzügen der Kirche Rahjas unterwiesen, hätte Jegoro durchaus auch die Tür zu einer Laufbahn als Geweihter offen gestanden.
Daran änderte auch nicht, dass Jegoros Eltern 1036 BF miteinander den Traviabund eingingen, was Vater und Sohn im Rosentempel durchaus einigen Frotzeleien aussetzte, die beide aber mit entsprechendem Humor zur Kenntnis nahmen. Auch, weil nichts davon wirklich bösartig gewesen ist.
Trotz der Möglichkeit einer Weihe äußerte Jegoro sich stets dahingehend, Rahja mit dem Säbel denn durch das Wort dienen zu wollen, weshalb er 15-jährig auf seine zweite große Reise ging: mit einem Empfehlungsschreiben des Rosentempels zu Zorgan zog der junge Bursche nach Belhanka zur Fechtschule Rahjas Kavaliere.
Kurz vor seiner Abreise eröffnete ihm sein Vater jedoch ein dunkles Geheimnis. Dieser hatte sich, als er noch relativ frisch als Kavalier der Rahja am Tempel der 1000 Ekstasen eingesetzt war, mit der Familie der Hohepriesterin, dem Haus du Berilis überworfen, da diese den Tempel praktisch in ein Bordell verwandelt hatten.
Auch wenn Orelio seit Jahren nicht mehr in der Heimat gewesen ist, ist nicht auszuschließen, dass Teile der Familie mit ihm immer noch eine Rechnung offen haben und keine Skrupel hätten, über seinen Sohn an ihn herankommen zu wollen.
Aus diesem Grunde wird er nicht als Jegoro Quesada sondern als Jegoro Kruschin an die Akademie gehen und er soll sich hüten, den Namen seines Vaters allzu offen preiszugeben.
Ein Hinweis, den Jegoro auch gern mit Blick auf sein eigenes Vermächtnis beherzigen mag.
So trennte ihn das Schicksal für den Moment neben den Eltern auch von zwei engen Freunden, mit denen er in Zorgan die Tempel unsicher machte.
Ahmad Suyyafin, ein gleichaltriger Bursche aus Zorgan, beginnt im Rosentempel seine Ausbildung zum Rahja-Geweihten und Yasmina Zalfuya, eine neue Novizin der Peraine, die sich auf Kräuterkunde und Arzneien spezialisiert und mit Jegoros Mutter arbeiten wird.
Diese hat das Talent der aufgeweckten Tulamidin früh erkannt und sie unter ihre Fittiche genommen, sehr zur Freude von Jegoro, der sie so recht häufig zu Gesicht bekam und nun überzeugt davon ist, dass sie einen guten Weg machen wird, verbindet Jegoro und sie vor allem der bereits erwähnte, gelebter Pragmatismus, der beide zwar eine Verbindung zur jeweiligen Kirche, aber keine fühlbare Nähe zu den Göttern schafft. So kam auch für Yasmina eine Weihe nie in Betracht.
In Belhanka konnte Jegoro die Dinge perfektionieren, die ihm schon zu seiner Zeit in Zorgan große Freude gemacht hat.
Mit seiner athletischen Figur, die gut trainiert, jedoch eher drahtig und geschmeidig denn stark muskulös ist, hat er trotz seiner Größe von 1,79m ideale Maße und Gewichte für einen berittenen Kämpfer.
Daher investierte er viel Zeit in die Arbeit und Pflege mit den Pferden und dem Training mit dem Reitersäbel, der schnell zu seiner Primärwaffe im Kampftraining wurde.
Während seiner Ausbildung pflegte Jegoro eine gute Kameradschaft zu praktisch allen Mitstreitern. Zwei Kameraden jedoch sind während der Ausbildung zu echten Freunden geworden.
Delario Faleron aus Al’Anfa war der Einzige, der Jegoros Namen von Anfang an richtig ausgesprochen hat und die beiden verbrachten viel Zeit mit dem Studium und dem Verfeinern ihrer Fähigkeiten in Rahjas Künsten und Freuden.
Zu einem weiteren guten Freund geworden ist Rorin Fedelmid aus Havena. Die beiden haben sich zu Beginn des Studiums in dasselbe Mädchen verliebt und waren erbitterte Rivalen, bis die Angebetete beiden eine Abfuhr erteilte.
Beide teilen eine Leidenschaft für Pferde und Kartenspiele.
Kaum ein paar Monate an der Fechtschule, erfuhr Jegoro von dem Vulkanausbruch, der seine Geburtsstadt Notmark fast vollständig zerstörte. Seine Großmutter kam dabei ums Leben.
Zwar hatte er es befürchtet, war aber dennoch traurig, als seine Eltern ihm ein Jahr später schrieben, dass beide zurück nach Notmark gehen werden, um beim Wiederaufbau der Stadt zu helfen.
Sein Vater hat zudem einige Anhänger Rahjas aufgetan, die die Gelegenheit nutzen möchten, mit ihrer Präsenz dort den Einfluss der Rahja-Kirche in der Region zu stärken und ggfs. in der neu erbauten Stadt einen Tempel zu errichten.
Seine Mutter wird dort als lokal bekannte Heilerin wohlwollend empfangen.
Während der Zeit an der Akademie hat Jegoro viel von seiner in der Stadt verbracht und wurde unter den Kameraden vor allem zum kulinarischen Meinungsführer.
Als Liebhaber der alanischen Gebäck-Kultur fiel ihm in Belhanka tatsächlich ein tulamidischer Konditor auf, der feinstes Gebäck und Süßigkeiten herstellte, die Jegoro in seiner Zeit in Zorgan über alles geliebt hat.
Nach einiger Zeit gab es ein gutes Dutzend angehende Kavaliere, die jeden Monat am 12. Tag (Rahjas-Tag) den Konditor beehrten, um sich einige dieser Köstlichkeiten zu Gemüte zu führen.
Diese Sünde wurde natürlich mit harter Arbeit vorher und nachher versucht bestmöglich wieder wett zu machen.
Im Monat der Rahja des Jahres 1042 BF ist Jegoro zum Kavalier der Rahja geworden.
Seine Ausbildung ist erfolgreich beendet. Er selbst dem Dienst an Göttin und Kirche verpflichtet, wartet er nun auf seinen ersten Einsatz.
Viele seiner Kameraden, die an einem festen Ort bzw. Tempel ihren Dienst tun sollen, haben bereits ihre Marschbefehle erhalten.
So wird Delario in seine Heimat zurückkehren und im Tempel der 1000 Lüste als Kavalier der Rahja seinen Dienst tun.
Rorin wurde zunächst aufgrund des Einflusses seiner Großmutter Eoan an den Rahja-Tempel nach Havena beordert, hofft aber, bald in einem anderen Auftrag die Welt zu sehen.
Bei Jegoro wartet entweder die Akademie bei ihm auf Nachricht, ob er nun im Tempel zu Zargon stationiert wird, auf Empfehlung seines Vaters vielleicht nach Notmark geschickt wird oder ob er, wie seinerzeit sein Vater auch das hohe Privileg erhält, einem reisenden Geweihten der Rahja als Kavalier zu Diensten zu sein.
Diese Ehre wäre für Jegoro das höchste Gut, will er sich zunächst seine Sporen verdienen, um seinem Vater als ebenbürtiger Kavalier gegenüber zu treten.
Sollte es später jedoch einmal die Möglichkeit geben, in einem florierenden Rahja-Tempel in Notmark an der Seite seines Vaters als Kavalier Dienst zu tun, wäre Jegoro hocherfreut, denn in seinen Grundfesten ist er ein Familienmensch.
Zum Fest zu Ehren der Göttin schenkte ihm Rahja eine Vision und den Auftrag, sich als Rahja-Kavalier dem Gefolge der Geliebten der Göttin anzuschließen, die den kommenden Götterlauf durch Aventurien reisen wird, um die Heiligtümer der Rahja-Kirche in ganz Aventurien zu besuchen. Eine ehrenvolle Aufgabe, der Jegoro sich gut vorbereitet widmen wird.